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Komödie um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt

Das Thema sexualisierter Gewalt im Werk Kleists

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug Interpretationsansätze

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse Interpretationsansätze Überblick  Kleists Komisierung des dramatischen Geschehens Staatsgründung, Subjekt- und Objektwerdung der NiederländerSatire auf die Autoritäten und die Autoritätsgläubigkeit der Menschen Der Krugprozess und die geschichtliche Entwicklung zunehmender Korruption in den Niederlanden [ Eine Komödie um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt Überblick Das Thema sexualisierter Gewalt im Werk Kleists Der Fall: Eve Rull als Opfer Der Fall: Adam als Täter Diskursanalytische Perspektive ] Das Stück in dekonstruktivistischer Lesart ] Rezeptionsgeschichte Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Die  • Komödie Der zerbrochne Krug ist nicht das einzige Werk ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811), in dem • sexualisierte Gewalt eine Rolle spielt. Ein kurzer Überblick soll dies verdeutlichen.

Penthesilea (1908)

In seinem Trauerspiel »Penthesilea (1808) wird das Verhältnis von Erotik und Gewalt auf die Spitze getrieben. Hier geht es weniger um sexualisierte Gewalttaten wie Vergewaltigung, sondern um die totale Entgrenzung von Liebe und Gewalt. Penthesilea, die »Amazonenkönigin, darf einen Mann, der ihr von »Mars, dem Gott des Krieges, vorgegeben wird, nur lieben, wenn sie ihn im Kampf besiegt. Sie verliebt sich aber aus eigenen Stücken in »Achilles, den griechischen Helden während des »Kampfes um Troja, gegen den sie mit immer wieder neuer Kraft zu Felde zieht, um ihn zu besiegen. Als sie einmal jedoch schwer verletzt in Ohnmacht fällt, erspart ihr Achill auf Bitten von Prothoe, der Vertrauten der Königin, die Schande der Niederlage, indem er sich selbst als Verlierer ausgibt. In einem weiteren Zweikampf will er sich von ihr sogar besiegen lassen, weil er weiß, dass Amazonen ihre Liebe nur demjenigen Mann schenken dürfen, den sie zuvor im Kampf überwunden haben. Doch Penthesilea, die das Spiel nicht durchschaut, verwundet ihn tödlich. In tierischer Wildheit und Raserei zerreißt sie schließlich in einem Zustand des Wahnsinns zusammen mit ihren Hunden den Geliebten. Damit zeigt Kleist, wie unterdrückte Sexualität und kriegerische Gewalt in einer Katastrophe münden, bei der die Grenzen zwischen Begehren und Vernichtung verschwimmen.

Das Erdbeben in Chili (1807)

Auch Kleists Novelle »›Das Erdbeben in Chili‹, die 1807 erschienen ist, berührt Fragen sexueller Moral und sozialer Repression: Eine Frau wird wegen eines außerehelichen Verhältnisses zum Tode verurteilt, wodurch strukturelle Gewalt und religiös legitimierte Kontrolle weiblicher Sexualität sichtbar werden.

Die Verlobung in St. Domingo (1811)

In seiner Erzählung »Die Verlobung in St. Domingo (1811) die im Jahr 1803 vor dem Hintergrund der haitianischen Revolution spielt, wird  sexualisierte Gewalt eng mit den kolonialen Machtstrukturen und rassistischen Vorstellungen verknüpft. In den Wirren der Revolution kommt es immer wieder zu Gewaltexzessen der ehemaligen Sklaven gegen ihre früheren Herren. Einer der besonders blutrünstigen Aufständischen zwingt die Tochter seiner Frau Babekan, mit ihren sexuellen Reizen weiße Männer als Lockvogel in eine Falle zu locken. Auch Babekan ist wohl selbst in der Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt durch weiße Kolonialherren geworden. Sexualisierte Gewalt wird in dieser Erzählung als Waffe im Rassenkrieg und als Folge traumatischer Gewaltgeschichte dargestellt.

Die Marquise von O ... (1808)

Die Handlung der Erzählung •"Die Marquise von O...", die 1808 gegen den Willen • Heinrich von Kleists von dem Mitherausgeber »Adam Müller von Nitterndorf (1779-1828), in der Literaturzeitschrift »›Phöbus‹ veröffentlicht wurde, setzt mit einer Annonce ein, die  die tugendhafte Witwe Marquise von O.... aufgibt, um per Zeitungsanzeige den Vater ihres ungeborenen Kindes suchen. Bei der Besetzung einer Zitadelle in Oberitalien wird sie zuvor von einem russischen Offizier, dem Grafen F...., vor einer Gruppenvergewaltigung durch russische Soldaten bewahrt, Er führt sie in einen vor den anderen Truppen sicheren Raum, wo die Marquise in Ohnmacht fällt. Die Frau wird – von Kleist durch einen Gedankenstrich ausgespart –  wie sich aber erst später in der Handlung herausstellt, von dem russischen Grafen vergewaltigt (und wird ihr erst im Nachhinein bewusst, davon schwanger). Bevor die Marquise ihrem vermeintlichen "Retter" vor der Gruppenvergewaltigung ihren Dank abstatten kann, zieht dieser weiter. Er kehrt allerdings später noch einmal zurück, macht der Marquise ganz unvermittelt einen Heiratsantrag. Nach seiner erneuten Rückkehr von weiteren Kampfhandlungen soll die Heirat stattfinden. Während seiner Abwesenheit erkennt die Marquise, dass sie schwanger ist. Ihr Vater verstößt sie darauf hin in einem Anfall rasenden Zorns, da er ihre Unschuldsbeteuerungen als Lüge wertet. Doch die Verstoßung durch den eigenen Vater bricht die Marquise nicht. Sie entwickelt den "Stolz eines schulfreien Bewusstseins" (Hauptwerke der deutschen Literatur, 91982, S.253), emanzipiert sich in gewissem Maße von der patriarchalen Vormundschaft und beschließt, ihr Schicksal  anzunehmen. Um ihrem Kind die öffentliche Schande und ein "ehrloses" Leben als "Bastard" zu ersparen, entscheidet sie sich für die Anzeige, um den Vater zu suchen. Als dieser sich daraufhin meldet, weigert sie sich jedoch voller Abscheu, den russischen Grafen F.. zu heiraten. Die Heirat kommt nur durch eine Sonderklausel zustande, die dem Grafen den Verzicht auf die Rechte als Ehemann auferlegen, von ihm verlangen, eine eigene Wohnung zu beziehen und zur Taufe des neugeborenen Kindes diesem sein ganzes Vermögen zu übertragen. Dadurch gewinnt er die Marquise für sich und feiert im Jahre darauf mit ihr endlich eine zweite, wirkliche Hochzeit.

Nur vordergründig bietet das Ende der Erzählung ihren Leser*innen ein "Happy End " an. Demontiert sind am Ende eine Reihe von Idealbildern. Die Marquise muss, indem sie ihren ehemaligen Vergewaltiger ehelicht, akzeptieren, dass Gut und Böse in ein und derselben Person existieren können.

Man hat in der Tatsache, dass die Marquise sich am Ende mit ihrem Ehemann, ihrem ehemaligen Vergewaltiger versöhnt, als Folge der Tatsache gesehen, dass jener alles auf sich nimmt, gesehen und ihr eine ursprüngliche spontane Liebe zu ihm unterstellt und die ihre Ohnmacht als deren Ausdruck, weil diese bei Kleist stets "Metapher eines unbewussten, echten Gefühls" (ebd.) sei  Und auch der Täter, der Graf F... wird in einer Ambivalenz aufgelöst, zu einem Menschen, der einer außerordentlichen Liebe fähig ist. Zwar ist er der Vergewaltiger zugleich aber eben auch ihr an Humanität orientierter Retter vor der drohenden Gruppenvergewaltigung. So erscheint er lange weder als Engel noch Teufel, sondern als ein "Mensch", der "in ungelösten Spannungen gefangen", nur in der Extremsituation des Krieges zwar dem "dämonischen Trieb des Verführers" erliegt. (ebd.) Im Grunde wurde und wird durch eine solche von Vergewaltigungsmythen gekennzeichnete Sicht der Täter entlastet.

Mit dem Eingehen der Ehe mit dem russischen Grafen ist der Konflikt zwar im Rahmen der patriarchalischen bürgerlichen Ordnung beigelegt, doch der Preis dafür ist, dass das Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung des weiblichen Opfers ungesühnt bleibt, die patriarchalische Macht nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Man mag darin einen Ausdruck des Realismus der Darstellung der sexualisierten Gewalt in der frühen Neuzeit durch Kleist sehen, der in der schmerzhaften Erkenntnis mündet, dass Menschen (und die Welt) zutiefst widersprüchlich sind, die traumatischen Erfahrungen des Opfers, seien sie auch noch so sehr aus dem Bewusstsein verdrängt, bleiben und haben eben meist lang anhaltende Folgen, die Kleist mit seiner Erzählung nicht thematisiert.

Sexualisierte Gewalt im Zerbrochnen Krug und der der Marquise von O...

Kleists Novelle • "Die Marquise von O...", stellt – anders als die ▪ KomödieDer zerbrochne Krug – den sexuellen Übergriff als zentrales Motiv dar, verschweigt ihn jedoch durch einen berühmten • Gedankenstrich. Dieses Auslassen erzeugt ein Paradox: Das Ereignis bleibt unausgesprochen und wird zugleich für aufmerksame Leser deutlich. Die Marquise erinnert sich aufgrund ihrer Ohnmacht nicht an die Tat, kämpft aber um ihre Ehre angesichts der unerklärlichen Schwangerschaft.

Im Zerbrochnen Krug wird die Gewalttat ebenfalls nicht direkt dargestellt, sondern sprachlich verschleiert. In beiden Werken bleibt die Tat unsichtbar, was teils auf das damalige Tabu zurückzuführen ist. Während die Komödie ein Happy End ermöglicht und die Figur Eve nicht zur tragischen Heldin werden lässt, bestätigt in der Novelle die Schwangerschaft eindeutig die Vergewaltigung.

Die Marquise steht im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Verurteilung und innerem Konflikt. Trotz erlittenem Unrecht heiratet sie schließlich ihren Vergewaltiger. Zeitgenössische Debatten konzentrierten sich weniger auf die Gewalt als auf moralische Vorstellungen, etwa den verbreiteten Irrglauben, Schwangerschaft setze weibliche Lust voraus. Dieser Mythos stabilisierte patriarchale Machtstrukturen und führte zu Täterentlastung sowie Stigmatisierung der Opfer.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 13.04.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Vergleichen Sie die Darstellung der sexualisierten Gewalt in der Komödie "Der zerbrochne Krug" mit der in der Erzählung "Die Marquise von O...". Welche unterschiedlichen ästhetischen Mittel (Verschleierung vs. Aussparung) nutzt Kleist jeweils?
  2. Erläutern Sie, inwiefern das Ende der Marquise von O... laut Text nur vordergründig ein "Happy End" darstellt. Welche moralischen Ambiguitäten und gesellschaftlichen Machtstrukturen bleiben trotz der Heirat bestehen?
  3. Analysieren Sie die Bedeutung der Ohnmacht in Kleists Werk. Warum wird sie im Text einerseits als "Metapher eines unbewussten Gefühls" und andererseits im historischen Kontext (Stichwort: Empfängnis und Lust) als problematisch für die Glaubwürdigkeit des Opfers diskutiert?
  4. Untersuchen Sie den Zusammenhang von sexualisierter Gewalt und kolonialen bzw. kriegerischen Strukturen in den Werken "Die Verlobung in St. Domingo" und" Penthesilea". Wie werden Körper hier als "Waffen" oder "Schlachtfelder" instrumentalisiert?
  5. Erörtern Sie den Begriff des "Vergewaltigungsmythos" im Kontext des 19. Jahrhunderts. Wie trugen zeitgenössische medizinische und gesellschaftliche Diskurse zur Entlastung der Täter und zum "Victim-Blaming" bei?
 
 
 

 
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