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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Die
• Komödie
•
Der zerbrochne Krug ist nicht das
einzige Werk ▪
Heinrich von Kleists (1777-1811), in dem
• sexualisierte Gewalt eine Rolle
spielt. Ein kurzer Überblick soll dies verdeutlichen.
In seinem Trauerspiel »Penthesilea
(1808) wird das Verhältnis von Erotik und Gewalt auf die Spitze
getrieben. Hier geht es weniger um sexualisierte Gewalttaten wie
Vergewaltigung, sondern um die totale Entgrenzung von Liebe und
Gewalt. Penthesilea, die »Amazonenkönigin,
darf einen Mann, der ihr von »Mars,
dem Gott des Krieges, vorgegeben wird, nur lieben, wenn sie ihn im
Kampf besiegt. Sie verliebt sich aber aus eigenen Stücken in »Achilles,
den griechischen Helden während des »Kampfes
um Troja, gegen den sie mit immer wieder neuer Kraft zu Felde
zieht, um ihn zu besiegen. Als sie einmal jedoch schwer verletzt in
Ohnmacht fällt, erspart ihr Achill auf Bitten von Prothoe, der
Vertrauten der Königin, die Schande der Niederlage, indem er sich
selbst als Verlierer ausgibt. In einem weiteren Zweikampf will er
sich von ihr sogar besiegen lassen, weil er weiß, dass Amazonen ihre
Liebe nur demjenigen Mann schenken dürfen, den sie zuvor im Kampf
überwunden haben. Doch Penthesilea, die das Spiel nicht durchschaut,
verwundet ihn tödlich. In tierischer Wildheit und Raserei zerreißt
sie schließlich in einem Zustand des Wahnsinns zusammen mit ihren
Hunden den Geliebten. Damit zeigt Kleist, wie unterdrückte
Sexualität und kriegerische Gewalt in einer Katastrophe münden, bei
der die Grenzen zwischen Begehren und Vernichtung verschwimmen.
Auch Kleists
Novelle »›Das
Erdbeben in Chili‹, die 1807 erschienen ist, berührt Fragen
sexueller Moral und sozialer Repression: Eine Frau wird wegen eines
außerehelichen Verhältnisses zum Tode verurteilt, wodurch
strukturelle Gewalt und religiös legitimierte Kontrolle weiblicher
Sexualität sichtbar werden.
In seiner Erzählung »Die
Verlobung in St. Domingo (1811) die im Jahr 1803 vor dem
Hintergrund der
haitianischen Revolution spielt, wird sexualisierte Gewalt
eng mit den kolonialen Machtstrukturen und rassistischen
Vorstellungen verknüpft. In den Wirren der Revolution kommt es immer
wieder zu Gewaltexzessen der ehemaligen Sklaven gegen ihre früheren
Herren. Einer der besonders blutrünstigen Aufständischen zwingt die
Tochter seiner Frau Babekan, mit ihren sexuellen Reizen weiße Männer
als Lockvogel in eine Falle zu locken. Auch Babekan ist wohl selbst in der
Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt durch weiße Kolonialherren
geworden. Sexualisierte Gewalt wird in dieser Erzählung als Waffe im
Rassenkrieg und als Folge traumatischer Gewaltgeschichte
dargestellt.
Die Handlung der Erzählung •"Die
Marquise von O...", die 1808 gegen den Willen • Heinrich
von Kleists von dem Mitherausgeber »Adam
Müller von Nitterndorf (1779-1828), in der Literaturzeitschrift »›Phöbus‹
veröffentlicht wurde, setzt mit einer Annonce ein, die die
tugendhafte Witwe Marquise von O.... aufgibt, um per Zeitungsanzeige
den Vater ihres ungeborenen Kindes suchen. Bei der Besetzung einer
Zitadelle in Oberitalien wird sie zuvor von einem russischen
Offizier, dem Grafen F...., vor einer Gruppenvergewaltigung durch
russische Soldaten bewahrt, Er führt sie in einen vor den anderen
Truppen sicheren Raum, wo die Marquise in Ohnmacht fällt. Die Frau
wird – von Kleist durch einen Gedankenstrich ausgespart – wie
sich aber erst später in der Handlung herausstellt, von dem
russischen Grafen vergewaltigt (und wird ihr erst im Nachhinein
bewusst, davon schwanger). Bevor die Marquise ihrem vermeintlichen
"Retter" vor der Gruppenvergewaltigung ihren Dank abstatten kann,
zieht dieser weiter. Er kehrt allerdings später noch einmal zurück,
macht der Marquise ganz unvermittelt einen Heiratsantrag. Nach
seiner erneuten Rückkehr von weiteren Kampfhandlungen soll die
Heirat stattfinden. Während seiner Abwesenheit erkennt die Marquise,
dass sie schwanger ist. Ihr Vater verstößt sie darauf hin in einem
Anfall rasenden Zorns, da er ihre Unschuldsbeteuerungen als Lüge
wertet. Doch die Verstoßung durch den eigenen Vater bricht die
Marquise nicht. Sie entwickelt den "Stolz eines schulfreien
Bewusstseins" (Hauptwerke
der deutschen Literatur, 91982, S.253), emanzipiert
sich in gewissem Maße von der patriarchalen Vormundschaft und
beschließt, ihr Schicksal anzunehmen. Um ihrem Kind die
öffentliche Schande und ein "ehrloses" Leben als "Bastard" zu
ersparen, entscheidet sie sich für die Anzeige, um den Vater zu
suchen. Als dieser sich daraufhin meldet, weigert sie sich jedoch
voller Abscheu, den russischen Grafen F.. zu heiraten. Die Heirat
kommt nur durch eine Sonderklausel zustande, die dem Grafen den
Verzicht auf die Rechte als Ehemann auferlegen, von ihm verlangen,
eine eigene Wohnung zu beziehen und zur Taufe des neugeborenen
Kindes diesem sein ganzes Vermögen zu übertragen. Dadurch gewinnt er
die Marquise für sich und feiert im Jahre darauf mit ihr endlich
eine zweite, wirkliche Hochzeit.
Nur vordergründig bietet das Ende der Erzählung ihren Leser*innen
ein "Happy End " an. Demontiert sind am Ende eine Reihe von
Idealbildern. Die Marquise muss, indem sie ihren ehemaligen
Vergewaltiger ehelicht, akzeptieren, dass Gut und Böse in ein und
derselben Person existieren können.
Man hat in der Tatsache, dass die Marquise sich am Ende mit ihrem
Ehemann, ihrem ehemaligen Vergewaltiger versöhnt, als Folge der
Tatsache gesehen, dass jener alles auf sich nimmt, gesehen und ihr
eine ursprüngliche spontane Liebe zu ihm unterstellt und die ihre
Ohnmacht als deren Ausdruck, weil diese bei Kleist stets "Metapher
eines unbewussten, echten Gefühls" (ebd.)
sei Und auch der Täter, der Graf F... wird in einer Ambivalenz
aufgelöst, zu einem Menschen, der einer außerordentlichen Liebe
fähig ist. Zwar ist er der Vergewaltiger zugleich aber eben auch ihr
an Humanität orientierter Retter vor der drohenden
Gruppenvergewaltigung. So erscheint er lange weder als Engel noch
Teufel, sondern als ein "Mensch", der "in ungelösten Spannungen
gefangen", nur in der Extremsituation des Krieges zwar dem
"dämonischen Trieb des Verführers" erliegt. (ebd.)
Im Grunde wurde und wird durch eine solche von
•
Vergewaltigungsmythen gekennzeichnete Sicht der
Täter entlastet.
Mit dem Eingehen der Ehe mit dem russischen Grafen ist der Konflikt
zwar im Rahmen der patriarchalischen bürgerlichen Ordnung beigelegt,
doch der Preis dafür ist, dass das Verbrechen gegen die sexuelle
Selbstbestimmung des weiblichen Opfers ungesühnt bleibt, die
patriarchalische Macht nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.
Man mag darin einen Ausdruck des Realismus der Darstellung der
sexualisierten Gewalt in der frühen Neuzeit durch Kleist sehen, der
in der schmerzhaften Erkenntnis mündet, dass Menschen (und die Welt)
zutiefst widersprüchlich sind, die traumatischen Erfahrungen des
Opfers, seien sie auch noch so sehr aus dem Bewusstsein verdrängt,
bleiben und haben eben meist lang anhaltende Folgen, die Kleist mit
seiner Erzählung nicht thematisiert.
Kleists Novelle
• "Die
Marquise von O...", stellt – anders als die ▪
Komödie •
Der zerbrochne
Krug – den sexuellen Übergriff als zentrales Motiv dar,
verschweigt ihn jedoch durch einen berühmten •
Gedankenstrich.
Dieses Auslassen erzeugt ein Paradox: Das Ereignis bleibt
unausgesprochen und wird zugleich für aufmerksame Leser deutlich.
Die Marquise erinnert sich aufgrund ihrer Ohnmacht nicht an die Tat,
kämpft aber um ihre Ehre angesichts der unerklärlichen
Schwangerschaft.
Im Zerbrochnen Krug wird die Gewalttat ebenfalls nicht direkt
dargestellt, sondern sprachlich verschleiert. In beiden Werken
bleibt die Tat unsichtbar, was teils auf das damalige Tabu
zurückzuführen ist. Während die Komödie ein Happy End ermöglicht und
die Figur Eve nicht zur tragischen Heldin werden lässt, bestätigt in
der Novelle die Schwangerschaft eindeutig die Vergewaltigung.
Die Marquise steht im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher
Verurteilung und innerem Konflikt. Trotz erlittenem Unrecht heiratet
sie schließlich ihren Vergewaltiger. Zeitgenössische Debatten
konzentrierten sich weniger auf die Gewalt als auf moralische
Vorstellungen, etwa den verbreiteten Irrglauben, Schwangerschaft
setze weibliche Lust voraus. Dieser Mythos stabilisierte
patriarchale Machtstrukturen und führte zu Täterentlastung sowie
Stigmatisierung der Opfer.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
13.04.2026
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