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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
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Interpretationen vergleichen (Grathoff 1983 vs.
Mandelartz 2008)
Dirk
Grathoff (1983) hat sich bei seiner Interpretation
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Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ den "historischen Gehalt" des Stückes, wie er ihn versteht,
in den Mittelpunkt gestellt.
Er entwickelt dabei eine geschichtsphilosophische Deutung, die in
dem Stück die Darstellung eines tiefgreifenden historischen Wandels
in den Niederlanden, aber auch darüber hinaus an der Schwelle zur
Moderne schlechthin versteht.
Grathoff versteht das Stück vor allem als radikale Kritik der
Moderne, in der gesellschaftliche Wandel in den Niederlanden zu
Verwerfungen und Diskontinuitäten im Staat, in der Ökonomie und im
Alltagsleben der Menschen führt. Besondere Bedeutung haben dabei die
Machtverhältnisse, die der moderne Staat in den Niederlanden
umkrempelt. Er ersetzt zwar die alte, die spanische Fremdherrschaft,
die Macht, aber die er beansprucht und etabliert, schafft keine
Freiheit, sondern neue Formen der Unterdrückung, degradiert die
Individuen zu Objekten seiner neuartigen Repression.
Im Zentrum von
Grathoffs (1983) Interpretation steht der Krug. Die Darstellung
der Übergabe der Niederlande •
25.10.1555 an den
spanischen König
»Philipp II., (geb. 1527, 1556-98), die in der Mitte des Kruges
gänzlich zu Bruch gegangen ist, hat Grathoff als erster als
"epochale Zäsur erkannt und ihren Bedeutungsgehalt bestimmt als
Staatsgründung, die auf die Subjekt-Werdung der Niederländer
verweise". (Mandelartz
2008/09, S.303)
Damit macht Grathoff auch den Krug zum
Symbol eines ursprünglichen Zustands gesellschaftlicher
Selbstbestimmung, in dem die Niederländer als freie Subjekte über
den Lauf ihrer Geschichte entscheiden. Dass er zerbricht, markiert
in der Lesart Grathoffs jedoch nicht einfach das Versagen oder Missgeschick eines einzelnen,
sondern signalisiert einen strukturellen Bruch: Die freie
Gesellschaft der niederländischen Bürgerinnen und Bürger verliert
damit sinnbildlich auch die Autonomie und gerät erneut in
Abhängigkeit – diesmal jedoch nicht durch äußere Mächte, sondern
durch die eigenen staatlichen Institutionen. Damit bezieht sich
Grathoff auf die
Modernisierungsprozesse der •
frühneuzeitlichen Staatsentwicklung und ihren verschiedenen •
Gebieten der Sozialdisziplinierung, die auch die Niederlande
betreffen und aus lang anhaltenden und tiefgreifenden politischen,
gesellschaftlichen und rechtlichen Umwälzungsprozessen bestehen, die
darauf abzielen, die aus "Individuen und Gruppen mit
Sonderrechten" bestehende Gesellschaft, "in den als homogen
begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling
1987, S.155).
Das Zerbrechen des Krugs symbolisiere, dass die Niederländer ihre im
Kampf gegen die Fremdherrschaft errungene Freiheit mit dem
Hereinbrechen der neuen Epoche wieder verloren hätten.
Grathoff will zeigen, dass Kleist damit keine einfache Wiederkehr
vergangener Zustände entwirft, sondern eine spezifisch moderne
Problemlage sichtbar macht. An die Stelle von Fremdherrschaft und
feudaler Ordnung tritt der Staat als neue Form von Macht, die den
Einzelnen zum Objekt macht und sich zugleich als rational und
legitim ausgibt.
Besonders an der Figur der •
Eve wird diese Entwicklung
sichtbar. Sie erfährt im Verlauf des Stücks die ganze Ambivalenz
staatlicher Ordnung und resigniert am Ende, als sie zur Einsicht
gelangt, dass die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse die
Unsicherheiten in der Gestaltung eines eigenen, selbstbestimmten
Lebens erhöht. Auf diese Weise erweist sich Kleists Lustspiel in
Grathoffs Lesart weniger als versöhnliche Komödie denn als kritische
Reflexion der Moderne und ihrer institutionellen Strukturen.
Grathoff versteht den Krug nicht als bloßes Requisit, sondern als
Symbol für den geschichtlichen Zustand der Gesellschaft.
In seinem unzerbrochenen Zustand steht er für den Moment, in dem die
Niederländer ein freies, selbstbestimmtes gesellschaftliches Subjekt
sind. Dass der Krug lange unzerstört bleibt, zeigt die Stabilität
dieser historischen Ordnung. Sein Zerbrechen markiert daher einen
fundamentalen geschichtlichen Bruch.
Eine zentrale These Grathoffs bezieht sich auf die Art und Weise,
wie der Krug in Kleist Stück bricht. Während er frühere Gefahren
(Krieg, Feuer etc.), die von außen (z. B. durch die Franzosen) übersteht, bricht er durch das Verschulden des Adams, der als
Dorfrichter Repräsentant des niederländischen Staates ist.
Daraus zieht Grathoff die Folgerung, dass die Bedrohungen, mit denen
sich die freien, selbstbestimmten Subjekte, die Bürgerinnen und
Bürger der Niederlande auseinanderzusetzen haben, auf einer
"Anfechtung von innen"
(ebd.)
beruht, also statt von außen aus dem Innern der
Gesellschaft kommen und von ihren (neuen) Institutionen ausgehen.
Grathoffs wichtigste These ist eine geschichtsphilosophische
Diagnose: Die Niederländer waren zunächst Objekte (unter spanischer
Fremdherrschaft), wurden dann • "gesellschaftliche(s) Subjekt ihres Staates"
(ebd.), indem sie die
Unabhängigkeit und Freiheit erstritten. Nun stehen sie an der
Schwelle bzw. sind sie schon • "wieder gesellschaftliches Objekt
geworden, und zwar Objekt des Staates" (ebd.),
nur dass es dieses Mal ihr eigener Staat ist.
Grathoff sieht darin aber keine •
"zyklische Geschichtsauffassung" (ebd.)
Kleists am Werk am Werk, wonach sich geschichtliche Ereignisse
einfach wiederholen, sondern
einen Bruch in der geschichtlichen Entwicklung. Er betont damit die
Diskontinuität zwischen der alten Zeit und der Moderne. Während die
Niederländer zu Zeiten der vom Krug dokumentierten Vorgeschichte • "gesellschaftliches Objekt von Fremdherrschaft und feudalem
Gesellschaftszustand" gewesen sind, so sind sie nach
Abschüttelung der Fremdherrschaft und der dadurch errungenen
Freiheit und ihrem • "Subjekt-Werden nunmehr unter modernen Bedingungen wieder zum
gesellschaftlichen Objekt geworden, zum Objekt ihres ›eigenen‹
Staates."
Was ihr Leben bestimmt und ihre Autonomie einschränkt, sind die
schon erwähnten
Modernisierungsprozesse der •
frühneuzeitlichen Staatsentwicklung, die aus "Individuen und Gruppen mit
Sonderrechten" bestehende Gesellschaft, "in den als homogen
begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling
1987, S.155). Der moderne Staat ist es, der mit seinen Institutionen
nicht nur die Rahmenbedingungen des Lebens in der herausziehenden
Moderne bestimmt, sondern eben auch tief in das Alltagsleben der
Menschen eingreift und es auf vielen Gebieten reguliert,
reglementiert und sanktioniert.
Allerdings
dürfte die Betonung dieses •
Figurenkontrastes
zwischen •
Adam und • Walter,
der den Wechsel der alten zur neuen, rational und institutionell
kontrollierten Ordnung auf der Ebene der •
Figurengestaltung
des Dramas herausstellt, die Transformationsprozesse, die sich darin
vollziehen, nur unzureichend abbilden. Im Sinne von »Michel
Foucaults (1926-1984) •
historischen Machtanalysen repräsentieren •
Adam und • Walter
jedenfalls •
keine antagonistischen Antipoden von Macht, sondern ergänzen sich im
historischen Prozess der Entwicklung von Macht von der älteren •
Souveränitätsmacht hin zur •
modernen Gesetzesmacht gegenseitig.
Grathoff sieht im
Stück jedenfalls eine radikale Kritik an modernen Institutionen. Die staatliche
Ordnung erscheint nicht mehr als verlässlich oder gerecht und ihre
Institutionen werden unberechenbar und potenziell willkürlich.
Dadurch verliert der Einzelne die Möglichkeit zur Kontrolle und wird
zum Objekt staatlichen Handelns.
Eve fällt in Grathoffs Interpretation eine Schlüsselrolle zu. Sie durchläuft,
seiner Auffassung nach, während des dramatischen Geschehens einen
Erkenntnisprozess über die wahre Natur des Staates. In diesem Sinne
spricht er davon, dass ihr •
"zweite(r) Sünden-Fall" (ebd.)
ihr die Möglichkeit gibt, in einen • "neuen
Stand der Erkenntnis" (ebd.)
zu gelangen.
Dabei erfährt
sie in der Person •
Adams staatliche Macht als Machtmissbrauch und in
•
Walter dessen neue, moderne institutionelle Rationalität. Sie erlebt
und erkennt, wie beide innerhalb desselben Systems handeln, das sie
zum Objekt macht. Dadurch entwickelt •
Eve ein Bewusstsein von der
Entfremdung gegenüber dem Staat.
Grathoff
widerspricht älteren Deutungen, die davon ausgingen, dass
Gerichtsrat •
Walter eine moralisch überlegene Instanz verkörpere. Er
steht zwar für Ordnung und Recht, ist aber Teil derselben
Machtstruktur. Seine Rationalität ist nicht automatisch Fortschritt,
sondern Teil des Problems.
Für Grathoff
unterscheiden sich die beiden Fassungen der Komödie vor allem durch
die von ihnen jeweils angebotene Interpretation des Übergangs von
den gesellschaftlichen Strukturen der feudalen hin zur modernen
Ordnung. In der Kurzfassung der Buchausgabe von 1811 gelinge eine
scheinbare Versöhnung und Wiederherstellung von Ordnung, während die
Langfassung mit dem Variant-Kapitel keine echte Lösung für die
Unversöhnlichkeit dieser Antipoden des geschichtlichen Prozesses
biete. So ist auch die Erkenntnis, die •
Eve im Variant gewinnt, keine
Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern getragen von Resignation
gegenüber einer Entwicklung, auf die sie als Individuum keinen
Einfluss mehr nehmen kann. Was bleibt, ist Kleists kritischer Blick
auf eine desillusionierte Moderne ohne Aussicht auf Harmonie.
Damit steht für
Grathoff fest, dass Kleists Vision,
keine Rückkehr zu einer irgendwie gearteten "guten alten Ordnung“ erlaubt
und seine eingenommene • "Distanz zu den
romantischen Geschichtstheorien" auch
keine irgendwie geartetete romantische Heilsgeschichte entwirft.
Geschichte, wie er sie versteht, ist geprägt von Diskontinuitäten,
Brüchen, Unsicherheiten und Kontingenz. Während in vormoderner Zeit
eine, quasi "mythisch" verbürgte stabile Ordnung existiert, zeichnet
sich die Moderne durch Beliebigkeit, Ungewissheit, Brüchigkeit und
Verlust traditioneller Sinnstiftungen aus. Und: Der zerbrochene Krug
symbolisiert genau diesen Übergang.
Michael
Mandelartz (2008/09, S.304) geht in seiner •
Kritik an Grathoff, wonach "die Geschichte der Niederlande bis
zum Prozess um den Krug eine Geschichte der Emanzipation von der
Fremdherrschaft" von dem "zerscherbten" Bild auf dem Krug aus. Es
ist für ihn nicht die Darstellung eines epochalen Neuanfanges,
sondern ein Moment der Kontinuität in der Geschichte der Niederlande
unter der Herrschaft der spanischen Habsburger
So zeige das Bild auf dem Krug keineswegs die Loslösung von der
›Fremdherrschaft‹ Spaniens, sondern einen Vertragsabschluss, der
gerade die Kontinuität des Rechts verbürgen soll. So ist auch
in der • Interpretation von
Mandelartz (2008/2009) für eine angebliche Zeitenwende, die
das Bild auf dem Krug nach Ansicht verschiedener Interpreten
symbolisiert, kein Platz, denn die
"Geschichte der Vereinigten Niederlande zwischen der Übergabe der
Herrschaft an Philipp II. und der Gegenwart der Dramenhandlung
stellt sich" für ihn, "als eine Folge von Vertragsbruch, Mord, Ehebruch,
uneidlicher Falschaussage, raubmäßiger Plünderung, unerlaubten
Bankgeschäften, Veruntreuung von Depositengeldern und Abgaben sowie
Erpressung dar." (ebd.,
S.311) Daher ist für
Mandelartz (ebd.) ganz im Gegensatz zu Grathoffs Sicht, der
Prozess um den Krug der "Höhe- und
Umschlagspunkt der geschichtlichen Entwicklung zunehmender
Korruption" in den Niederlanden und mit dem Krug werde auch
durch die korrupte Praxis in den Niederlanden "das Symbol der Legitimität"
zerstört. Das Unrecht, das das Drama zur Darstellung
bringe, sei damit auch unter historischer Perspektive
keineswegs das Resultat der spanischen
Fremdherrschaft in den Niederlanden. Stattdessen rühre es "aus dem
Ursprung (dem Freiheitskampf) und damit aus der inneren Verfasstheit
des dargestellten Staatswesens" selbst. (vgl.
ebd., Anm. 20)
Deer Prozess um den ›Zerbrochnen Krug‹ ist nach Ansicht
von
Mandelartz (ebd.) "ein Prozess um die gerichtliche Anerkennung
von Raubgut als Eigentum. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt
sich dem gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, die Illegitimität
des Staates, des Gerichts und des Eigentumstitels von Frau Marthe
nicht in Zweifel zu ziehen, weil darin die Bedingung der Möglichkeit
des allgemeinen Egoismus liegt."
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
13.04.2026
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