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Interpretationsansätze

Der geschichtliche Gehalt des Lustspiels: Staatsgründung und Subjekt- und Objektwerdung der Niederländer

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Interpretationsansätze Überblick Kleists Komisierung des dramatischen Geschehens Staatsgründung, Subjekt- und Objektwerdung der NiederländerSatire auf die Autoritäten und die Autoritätsgläubigkeit der Menschen Der Krugprozess und die geschichtliche Entwicklung zunehmender Korruption in den Niederlanden Das Schöne als Fassade einer korrupten Welt Eine Komödie um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt Kleists "Kant-Krise" und der ›Zerbrochne Krug‹Das Stück in dekonstruktivistischer Lesart ] Rezeptionsgeschichte Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"
Interpretationen vergleichen (Grathoff 1983 vs. Mandelartz 2008)

Dirk Grathoff (1983) hat sich bei seiner Interpretation • Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ den "historischen Gehalt" des Stückes, wie er ihn versteht, in den Mittelpunkt gestellt.

Er entwickelt dabei eine geschichtsphilosophische Deutung, die in dem Stück die Darstellung eines tiefgreifenden historischen Wandels in den Niederlanden, aber auch darüber hinaus an der Schwelle zur Moderne schlechthin versteht. Grathoff versteht das Stück vor allem als radikale Kritik der Moderne, in der gesellschaftliche Wandel in den Niederlanden zu Verwerfungen und Diskontinuitäten im Staat, in der Ökonomie und im Alltagsleben der Menschen führt. Besondere Bedeutung haben dabei die Machtverhältnisse, die der moderne Staat in den Niederlanden umkrempelt. Er ersetzt zwar die alte, die spanische Fremdherrschaft, die Macht, aber die er beansprucht und etabliert, schafft keine Freiheit, sondern neue Formen der Unterdrückung, degradiert die Individuen zu Objekten seiner neuartigen Repression.

Im Zentrum von Grathoffs (1983) Interpretation steht der Krug. Die Darstellung der Übergabe der Niederlande • 25.10.1555 an den spanischen König »Philipp II., (geb. 1527, 1556-98), die in der Mitte des Kruges gänzlich zu Bruch gegangen ist, hat Grathoff  als erster als "epochale Zäsur erkannt und ihren Bedeutungsgehalt bestimmt als Staatsgründung, die auf die Subjekt-Werdung der Niederländer verweise". (Mandelartz 2008/09, S.303)

Damit macht Grathoff auch den Krug zum Symbol eines ursprünglichen Zustands gesellschaftlicher Selbstbestimmung, in dem die Niederländer als freie Subjekte über den Lauf ihrer Geschichte entscheiden. Dass er zerbricht, markiert in der Lesart Grathoffs jedoch nicht einfach das Versagen oder Missgeschick eines einzelnen, sondern signalisiert einen strukturellen Bruch: Die freie Gesellschaft der niederländischen Bürgerinnen und Bürger verliert damit sinnbildlich auch die Autonomie und gerät erneut in Abhängigkeit – diesmal jedoch nicht durch äußere Mächte, sondern durch die eigenen staatlichen Institutionen. Damit bezieht sich Grathoff auf die Modernisierungsprozesse der • frühneuzeitlichen Staatsentwicklung und ihren verschiedenen • Gebieten der Sozialdisziplinierung, die auch die  Niederlande betreffen und aus lang anhaltenden und tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Umwälzungsprozessen bestehen, die darauf abzielen, die aus "Individuen und Gruppen mit Sonderrechten" bestehende Gesellschaft, "in den als homogen begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling 1987, S.155).

Das Zerbrechen des Krugs symbolisiere, dass die Niederländer ihre im Kampf gegen die Fremdherrschaft errungene Freiheit mit dem Hereinbrechen der neuen Epoche wieder verloren hätten.

Grathoff will zeigen, dass Kleist damit keine einfache Wiederkehr vergangener Zustände entwirft, sondern eine spezifisch moderne Problemlage sichtbar macht. An die Stelle von Fremdherrschaft und feudaler Ordnung tritt der Staat als neue Form von Macht, die den Einzelnen zum Objekt macht und sich zugleich als rational und legitim ausgibt.

Besonders an der Figur der • Eve wird diese Entwicklung sichtbar. Sie erfährt im Verlauf des Stücks die ganze Ambivalenz staatlicher Ordnung und resigniert am Ende, als sie zur Einsicht gelangt, dass die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse die Unsicherheiten in der Gestaltung eines eigenen, selbstbestimmten Lebens erhöht. Auf diese Weise erweist sich Kleists Lustspiel in Grathoffs Lesart weniger als versöhnliche Komödie denn als kritische Reflexion der Moderne und ihrer institutionellen Strukturen.

Der Krug als Symbol geschichtlicher Wahrheit

Grathoff versteht den Krug nicht als bloßes Requisit, sondern als Symbol für den geschichtlichen Zustand der Gesellschaft.

In seinem unzerbrochenen Zustand steht er für den Moment, in dem die Niederländer ein freies, selbstbestimmtes gesellschaftliches Subjekt sind. Dass der Krug lange unzerstört bleibt, zeigt die Stabilität dieser historischen Ordnung. Sein Zerbrechen markiert daher einen fundamentalen geschichtlichen Bruch.

Bruch von innen statt Bedrohung von außen

Eine zentrale These Grathoffs bezieht sich auf die Art und Weise, wie der Krug in Kleist Stück bricht. Während er frühere Gefahren (Krieg, Feuer etc.), die von außen (z. B. durch die Franzosen) übersteht, bricht er durch das Verschulden des Adams, der als Dorfrichter Repräsentant des niederländischen Staates ist.  Daraus zieht Grathoff die Folgerung, dass die Bedrohungen, mit denen sich die freien, selbstbestimmten Subjekte, die Bürgerinnen und Bürger der Niederlande auseinanderzusetzen haben, auf einer "Anfechtung von innen" (ebd.) beruht, also statt von außen aus dem Innern der Gesellschaft kommen und von ihren (neuen) Institutionen ausgehen.

Vom Subjekt zum Objekt: Kritik der Moderne

Grathoffs wichtigste These ist eine geschichtsphilosophische Diagnose: Die Niederländer waren zunächst Objekte (unter spanischer Fremdherrschaft), wurden dann • "gesellschaftliche(s) Subjekt ihres Staates" (ebd.), indem sie die Unabhängigkeit und Freiheit erstritten. Nun stehen sie an der Schwelle bzw. sind sie schon • "wieder gesellschaftliches Objekt geworden, und zwar Objekt des Staates"  (ebd.), nur dass es dieses Mal ihr eigener Staat ist.

Grathoff sieht darin aber keine • "zyklische Geschichtsauffassung" (ebd.) Kleists am Werk am Werk, wonach sich geschichtliche Ereignisse einfach wiederholen, sondern einen Bruch in der geschichtlichen Entwicklung. Er betont damit die Diskontinuität zwischen der alten Zeit und der Moderne. Während die Niederländer zu Zeiten der vom Krug dokumentierten Vorgeschichte • "gesellschaftliches Objekt von Fremdherrschaft und feudalem Gesellschaftszustand" gewesen sind, so sind sie nach Abschüttelung der Fremdherrschaft und der dadurch errungenen Freiheit und ihrem • "Subjekt-Werden nunmehr unter modernen Bedingungen wieder zum gesellschaftlichen Objekt geworden, zum Objekt ihres ›eigenen‹ Staates."

Was ihr Leben bestimmt und ihre Autonomie einschränkt, sind die schon erwähnten Modernisierungsprozesse der • frühneuzeitlichen Staatsentwicklung, die aus "Individuen und Gruppen mit Sonderrechten" bestehende Gesellschaft, "in den als homogen begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling 1987, S.155). Der moderne Staat ist es, der mit seinen Institutionen nicht nur die Rahmenbedingungen des Lebens in der herausziehenden Moderne bestimmt, sondern eben auch tief in das Alltagsleben der Menschen eingreift und es auf vielen Gebieten reguliert, reglementiert und sanktioniert.

Allerdings dürfte die Betonung dieses • Figurenkontrastes zwischen Adam und • Walter, der den Wechsel der alten zur neuen, rational und institutionell kontrollierten Ordnung auf der Ebene der Figurengestaltung des Dramas herausstellt, die Transformationsprozesse, die sich darin vollziehen, nur unzureichend abbilden. Im Sinne von »Michel Foucaults (1926-1984) • historischen Machtanalysen repräsentieren • Adam und • Walter jedenfalls • keine antagonistischen Antipoden von Macht, sondern ergänzen sich im historischen Prozess der Entwicklung von Macht von der älteren • Souveränitätsmacht hin zur • modernen Gesetzesmacht gegenseitig.

Grathoff sieht im Stück jedenfalls eine radikale Kritik an modernen Institutionen. Die staatliche Ordnung erscheint nicht mehr als verlässlich oder gerecht und ihre Institutionen werden unberechenbar und potenziell willkürlich. Dadurch verliert der Einzelne die Möglichkeit zur Kontrolle und wird zum Objekt staatlichen Handelns.

Eve als Erkenntnisfigur

Eve fällt in Grathoffs Interpretation eine Schlüsselrolle zu. Sie durchläuft, seiner Auffassung nach, während des dramatischen Geschehens einen Erkenntnisprozess über die wahre Natur des Staates. In diesem Sinne spricht er davon, dass ihr • "zweite(r) Sünden-Fall" (ebd.) ihr die Möglichkeit gibt, in einen • "neuen Stand der Erkenntnis" (ebd.) zu gelangen.

Dabei erfährt sie in der Person • Adams staatliche Macht als Machtmissbrauch und in • Walter dessen neue, moderne institutionelle Rationalität. Sie erlebt und erkennt, wie beide innerhalb desselben Systems handeln, das sie zum Objekt macht. Dadurch entwickelt • Eve ein Bewusstsein von der Entfremdung gegenüber dem Staat.

Walter als ambivalente Figur

Grathoff widerspricht älteren Deutungen, die davon ausgingen, dass Gerichtsrat • Walter eine moralisch überlegene Instanz verkörpere. Er steht zwar für Ordnung und Recht, ist aber Teil derselben Machtstruktur. Seine Rationalität ist nicht automatisch Fortschritt, sondern Teil des Problems.

Die gesellschaftliche Entwicklung hat kein "Happy-End"

Für Grathoff unterscheiden sich die beiden Fassungen der Komödie vor allem durch die von ihnen jeweils angebotene Interpretation des Übergangs von den gesellschaftlichen Strukturen der feudalen hin zur modernen Ordnung. In der Kurzfassung der Buchausgabe von 1811 gelinge eine scheinbare Versöhnung und Wiederherstellung von Ordnung, während die Langfassung mit dem Variant-Kapitel keine echte Lösung für die Unversöhnlichkeit dieser Antipoden des geschichtlichen Prozesses biete. So ist auch die Erkenntnis, die • Eve im Variant gewinnt, keine Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern getragen von Resignation gegenüber einer Entwicklung, auf die sie als Individuum keinen Einfluss mehr nehmen kann. Was bleibt, ist Kleists kritischer Blick auf eine desillusionierte Moderne ohne Aussicht auf Harmonie.

Absage an romantische und teleologische Geschichtsmodelle

Damit steht für Grathoff fest, dass Kleists Vision, keine Rückkehr zu einer irgendwie gearteten "guten alten Ordnung“ erlaubt und seine eingenommene • "Distanz zu den romantischen Geschichtstheorien" auch keine irgendwie geartetete romantische Heilsgeschichte entwirft. Geschichte, wie er sie versteht, ist geprägt von Diskontinuitäten, Brüchen, Unsicherheiten und Kontingenz. Während in vormoderner Zeit eine, quasi "mythisch" verbürgte stabile Ordnung existiert, zeichnet sich die Moderne durch Beliebigkeit, Ungewissheit, Brüchigkeit und Verlust traditioneller Sinnstiftungen aus. Und: Der zerbrochene Krug symbolisiert genau diesen Übergang.

Die Kritik von Mandelartz an Grathoff

Michael Mandelartz (2008/09, S.304) geht in seiner • Kritik an Grathoff, wonach "die Geschichte der Niederlande bis zum Prozess um den Krug eine Geschichte der Emanzipation von der Fremdherrschaft" von dem "zerscherbten" Bild auf dem Krug aus. Es ist für ihn nicht die Darstellung eines epochalen Neuanfanges, sondern ein Moment der Kontinuität in der Geschichte der Niederlande unter der Herrschaft der spanischen Habsburger

So zeige das Bild auf dem Krug keineswegs die Loslösung von der ›Fremdherrschaft‹ Spaniens, sondern einen Vertragsabschluss, der gerade die Kontinuität des Rechts verbürgen soll. So ist auch in der • Interpretation von Mandelartz (2008/2009) für eine angebliche Zeitenwende, die das Bild auf dem Krug nach Ansicht verschiedener Interpreten symbolisiert, kein Platz, denn die "Geschichte der Vereinigten Niederlande zwischen der Übergabe der Herrschaft an Philipp II. und der Gegenwart der Dramenhandlung stellt sich" für ihn, "als eine Folge von Vertragsbruch, Mord, Ehebruch, uneidlicher Falschaussage, raubmäßiger Plünderung, unerlaubten Bankgeschäften, Veruntreuung von Depositengeldern und Abgaben sowie Erpressung dar." (ebd., S.311) Daher ist für Mandelartz (ebd.) ganz im Gegensatz zu Grathoffs Sicht, der Prozess um den Krug der "Höhe- und Umschlagspunkt der geschichtlichen Entwicklung zunehmender Korruption" in den Niederlanden und mit dem Krug werde auch durch die korrupte Praxis in den Niederlanden "das Symbol der Legitimität" zerstört. Das Unrecht, das das Drama zur Darstellung bringe, sei damit auch unter  historischer Perspektive keineswegs das Resultat der spanischen Fremdherrschaft in den Niederlanden. Stattdessen rühre es "aus dem Ursprung (dem Freiheitskampf) und damit aus der inneren Verfasstheit des dargestellten Staatswesens" selbst. (vgl. ebd., Anm. 20)

Deer Prozess um den ›Zerbrochnen Krug‹ ist nach Ansicht von Mandelartz (ebd.) "ein Prozess um die gerichtliche Anerkennung von Raubgut als Eigentum. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt sich dem gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, die Illegitimität des Staates, des Gerichts und des Eigentumstitels von Frau Marthe nicht in Zweifel zu ziehen, weil darin die Bedingung der Möglichkeit des allgemeinen Egoismus liegt."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 13.04.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  • Warum ist es für Grathoffs Interpretation so entscheidend, dass der Krug durch den Dorfrichter Adam (eine "Anfechtung von innen") und nicht durch äußere Einflüsse wie Krieg oder Naturkatastrophen zerstört wurde?
  • Was meint Grathoff mit der These, dass die Niederländer vom "gesellschaftlichen Subjekt" wieder zum "gesellschaftlichen Objekt" des Staates degradiert wurden, und worin unterscheidet sich dieser neue Zustand von der früheren spanischen Fremdherrschaft?
  • Inwiefern fungiert Eve laut Grathoff als "Erkenntnisfigur" und was genau erkennt sie im Hinblick auf die beiden Machtvertreter Adam und Walter?
  • Warum widerspricht Grathoff der traditionellen Sichtweise, dass Gerichtsrat Walter eine rein positive, moralisch überlegene Instanz darstellt, die für Gerechtigkeit und Fortschritt sorgt?
  • Auf welcher Grundlage bestreitet Mandelartz Grathoffs Ansicht, dass das Bild auf dem Krug eine "Subjekt-Werdung" (Emanzipation) darstellt, und wie bewertet er stattdessen die geschichtliche Entwicklung der Niederlande bis zum Prozess?
 
 
 

 
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