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Interpretationsansätze

Das Schöne als Fassade einer korrupten Welt

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Interpretationsansätze Überblick Kleists Komisierung des dramatischen Geschehens Staatsgründung, Subjekt- und Objektwerdung der NiederländerSatire auf die Autoritäten und die Autoritätsgläubigkeit der Menschen Der Krugprozess und die geschichtliche Entwicklung zunehmender Korruption in den Niederlanden Das Schöne als Fassade einer korrupten Welt ◄ • Eine Komödie um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt Kleists "Kant-Krise" und der ›Zerbrochne Krug‹Das Stück in dekonstruktivistischer Lesart ] Rezeptionsgeschichte Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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Während die Vertreter der • Weimarer Klassik (1786-1805), allen voran ▪ Friedrich Schiller (1759-1805) in seinen zahlreichen Schriften über das Schöne und Erhabene, Schönheit als Harmonie von Geist und Körper idealisierte, zeigt • Heinrich von Kleists (1777-1811) in seiner • Komödie • "Der zerbrochne Krug" (1808) auf eine sehr ironische und zugleich entlarvende Weise, dass ästhetische Kategorien in einer korrupten Welt oft nur als Fassade dienen oder missbraucht werden.

Kleist lehnt die harmonisierenden Schönheitsideale von Kant und Schiller ab. In einer korrupten Welt wie der des Dorfrichters Adam wird Ästhetik zur bloßen Fassade: Der Krug ist zerbrochen, die Perücke (als Symbol der Richterwürde) geht verloren, und die "schöne Seele" Eve wird zum Objekt sexualisierter Gewalt. Schönheit ist hier kein Symbol des Sittlich-Guten mehr, sondern ein Instrument der Manipulation und Erpressung.

In den • Trauerspielen bzw. Tragödien Kleists ist die Schönheit oft ein zerbrechliches Ideal ist, in seiner • Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ dient sie aber dazu, gesellschaftliche Doppelmoral und Manipulation aufzudecken.

Kleists Begriff des Schönen im Vergleich mit Kant und Schiller

Kleist Begriff des Schönen unterscheidet sich von dem »Immanuel Kants (1724-1804) und den Vertretern der • Weimarer Klassik (1786-1805), allen voran ▪ Friedrich Schiller (1759-1805), mit dessen Lehren er sich nicht nur in seiner so genannten • Kant-Krise 1801, sondern auch in seinen literarischen Werken immer wieder auseinandersetzte. (vgl. Greiner 2013a, S. 206, Kindle Edition) 

Das Verständnis der Schönheit als "normativ verbindliche(m) Wertprädikat" (Port 2013, S.354, Kindle Edition), wie es die "Klassiker" vertraten, überzeugte Kleist nicht. Schiller forderte die Autonomie von Kunst ein. Diese Forderung mündete in seinem "ästhetische(n) Gegenentwurf" (Berghahn 2000, S.260) zu der in den Entgleisungen der Französischen Revolution (▪ Hinrichtung Ludwigs XVI. am 23. 1.1793, ▪ Errichtung der Diktatur des Wohlfahrtsausschusses (Jakobinerdiktatur) sichtbar gewordenen Regression zum Tier und zur Entfesselung der Triebe. Die in diesen Ereignissen widerstreitenden Grundtriebe des Menschen wollte er im Rahmen der ▪ politischen Ausrichtung seiner Ästhetik mit den Mitteln der Kunst über einen Prozess ästhetischer Erziehung wieder miteinander versöhnen.

Auch • Kants Begriff der Schönheit mit seinem • Theorem des "interesselosen Wohlgefallens" und der Vorstellung, dass "das Schöne (...) das Symbol des Sittlich-Guten (ist)" (Kant) wird von Kleist nicht geteilt. Für ihn ist Schönheit nämlich kein "Symbol für den gelingenden Brückenschlag zwischen der physischen und der moralischen Welt wie bei Kant (vgl. Greiner 2000a, S.51)." (Port 2013, S.354, Kindle Edition)

Schönheit ist für Kleist zwar "auch keine politisch-pädagogische Leitvorstellung wie in der Geschichtsphilosophie Schillers" (ebd.), und doch weisen Kleists Vorstellungen wohl auch gewisse ▪ Ähnlichkeiten zu einem Geschichtsmodell der »Frühromantik (ca. 1795–1804) (auch Jenaer Romantik), z. B. »Friedrich Hölderlins (1770-1843) oder von »Novalis (1772-1801) (= Georg Philipp Friedrich von Hardenberg) auf, das die Geschichte in drei Phasen einteilte: eine ursprüngliche harmonische Zeit, eine Gegenwart der Entfremdung und eine mögliche zukünftige Überwindung dieser Entfremdung. (vgl. Doering 2013, S. 351)

Wenn Kleist in seinen Werken ein Objekt als "schön" bezeichnet, geschieht dies gewöhnlich in einem alltagssprachlichen Bedeutungszusammenhang. Schönheit wird dabei mit Vorstellungen über das Gute, Erfüllende und Nützliche sowie allem konnotiert, das irgendwie Wünschenswert erscheint. (vgl. Port 2013, S.354, Kindle Edition)

Das "Schöne" im "Zerbrochnen Krug"

Im Zerbrochnen Krug taucht das Adjektiv "schön" als Attribut zwei Mal im Zusammenhang mit dem Nomen Krug auf. Zu Prozessbeginn verwehrt sich • Marthe Rull gegen • Adams Äußerung ("Ein Krug. Ein bloßer Krug", 7. Auftritt, V 596) mit ihrer Bemerkung "Der Krüge schönster ist entzweigeschlagen" (7. Auftritt, V 647), auch wenn diese Schönheit angesichts der Scherben gar nicht mehr sinnlich erfahren werden kann. Allein die Sprache kann die in den Augen • Marthe Rulls ehemals vorhandene Schönheit, die von den anderen eben nicht gesehen werden kann ("Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr"; 7. Auftritt, V 646)

Adam will jedoch von der "Schönheit" des Krugs nichts wissen:

"Frau Marth! Erlaßt uns das zerscherbte Paktum
Wenn es zur Sache nicht gehört.
Uns geht das Loch – nichts die Provinzen an,
Die darauf übergeben worden sind.
(7. Auftritt, V 675ff.)

Allerdings lässt sich • Marthe Rull davon nicht beirren und beharrt darauf, dass es um die Schönheit des Krugs geht: "Erlaubt! Wie schön der Krug, gehört zur Sache! –", (7. Auftritt, V 679). Damit verschafft sie sich die Möglichkeit, in ihrer episch breit angelegten ▪ Krugbeschreibung (7. Auftritt, V 640 - V 674) und Darstellung der • Kruggeschichte (7. Auftritt, V 680 - V 729) ihre subjektive Wertschätzung des Krugs als vermeintlich objektive Schönheit des Objekts zu verkaufen. Marthe Rull präsentiert ihn darin weder als Haushaltsgegenstand noch als reines Kunstobjekt, sondern stilisiert ihn zu einem symbolischen Träger niederländischer Geschichte und Identität. Zugleich repräsentiert seine Schönheit auch die "schöne Fassade" der bürgerlichen Ordnung im Allgemeinen und der Familie von • Marthe Rull. Als • sexuelles Symbol, als • Symbol der zerstörten Welt und ihrer Werteordnung und als • Symbol für den Verlust der Legitimität des niederländischen Unrechtsstaats übersteigt die von ihr dargestellte Schönheit Kruges in seinem eigentlich hässlichen und kläglichen Zustand der Zerbrochenheit indessen den Horizont • Marthe Rulls und dekonstruiert die von ihr so wortreich als ihr Eigentum präsentierte und verteidigte Schönheit des Kruges als Fassade. Interesselos, im Sinne »Immanuel Kants (1724-1804), ist die mit dem Krug präsentierte Schönheit nicht.

Das sexuelle Begehren • Adams gegenüber • Eve ist verbunden mit dem zeitgenössischen Diskurs über die weibliche Schönheit, Tugend und ▪ Ehre, sowie damit zusammenhängend über • voreheliche und außereheliche Sexualität und • sexuelle Gewalt in der frühen Neuzeit.

Gewöhnlich entsprechen die Vorstellungen über die weibliche Schönheit dem, "was sich um 1800 mit dem Schlagwort vom ›schönen Geschlecht‹ verbindet" (Port 2013, S.355, Kindle Edition). Auch wenn Hinweise auf die äußere Erscheinung • Eves in der dramatischen Rede sowie im Nebentext (z. B. Bühnenanweisungen) fehlen, ist schon der Figurenkontrast der "Jungfer" mit dem "alten Adam" Hinweis darauf, dass • Eve in den Augen • Adams ein attraktives Sexualobjekt darstellt, das er sich mit Erpressung und sexualisierter Gewaltanwendung sexuell gefügig machen kann.

Wie in zeitgenössischen Vorstellungen üblich, ist aber auch die leibliche Schönheit  • Eves, wie sonst bei weiblichen Figuren allgemein, eng verbunden mit Gemütsgüte, unbeirrbarer Tugend und Unschuld. (vgl. ebd.) Gewöhnlich erscheint ist die idealisierte Vorstellung von einer »schönen Seele« als die Verkörperung der physischen Schönheit des weiblichen Körpers. Dies lässt sich an zahlreichen Frauenfiguren Kleists aufzeigen. Dabei besitzt, wie Port (ebd.) weiter ausführt, "diese Art der Schönheit in den Kleist’schen Fallbeispielen etwas extrem Irritierbares und/oder Verletzbares."

Auch • Eve weist • Züge der "schönen Seele" auf, allerdings wird ihr diese innere und äußere Schönheit zunächst zum Verhängnis, das sie sie zum Objekt der Begierde und • sexualisierter Gewalt werden lässt. Dabei ist natürlich keineswegs an eine Täter-Opfer-Umkehr gedacht, die etwa die Existenz der "schönen Seele" mit ihren inneren und äußeren "Reizen" als Ursache für die • Eve als • Opfer angetanen sexualisierten Gewalt sieht.

Für den Dorfrichter • Adam ist Eves Schönheit kein Anlass für "interesseloses Wohlgefallen“ (Kant), sondern weckt rein sexuelles Begehren. Er nutzt seine Machtposition aus, um sie zu bedrängen.

Eves "innere Schönheit" zeigt sich in ihrer Treue zu ihrem Verlobten • Ruprecht, und ihrem Verschweigen des Tathergangs in der Vornacht, um ihren Verlobten Ruprecht zu schützen. Doch genau dieses Schweigen lässt sie nach außen hin, in den Augen der anderen Figuren des Stücks, schuldig erscheinen. An ihrem Beispiel verdeutlicht Kleist damit, dass auch die "schöne Seele" in einer korrupten Welt nicht weiterhilft, wenn bestimmte Falten als von den anderen akzeptierte Beweise (der zerbrochene Krug) gegen einen sprechen.

Auch die Figur • Adams lässt sich unter der Perspektive der Fassadenhaftigkeit des Schönen betrachten. Er ist die einzige Figur in Kleists Komödie, über dessen äußere Erscheinung die Leser*innnen des Zerbrochnen Krugs mehr erfahren, weil sie in der dramatischen Rede der Figuren immer wieder zum Thema gemacht wird. Schon seine äußere Gestalt ist alles andere als "schön" und entspricht, den "virilen Heldenfiguren" in keiner Weise, deren "Sexappeal" sich in anderen Stücken Kleists "mit der Aura des Kriegers, Ritters oder neuzeitlichen Militärs verbindet." (Port 2013, S.355, Kindle Edition).

Adam ist behaart, hat einen Klumpfuß und verliert seine Perücke (ein Symbol für die künstliche, "schöne" Richterwürde. Durch Adams Hässlichkeit und seine moralische Verdorbenheit wird das klassische Ideal (schöner Körper = gute Seele) ins Lächerliche gezogen.

Immer wieder versucht • Adam auch, sich durch die Sprache und sein Amt eine "schöne" Fassade zu geben, scheitert aber an der harten Realität der Beweise.

Allgemein gesehen, dient die Kategorie der Schönheit immer wieder als Beweismittel, das aber nicht mehr funktioniert. Marthe Rull ist von der Schönheit des zerbrochnen Krugs bzw. den Implikationen, die sein Zerbrechen für ihre und die soziale Existenz ihrer Tochter • Eve bedeutet, intellektuell und emotional so beherrscht, dass sie unbeirrt an ihrer einmal gewählten Prozessstrategie festhält und zur Klärung der Wahrheit nichts Wesentliches beiträgt.

In Kleists • Komödie • ›Der zerbrochne Krug fungiert das Schöne nicht als anzustrebendes Ideal und auch die ▪ eingeschränkte bzw. gebrochene "schöne Seele" Eve wird nicht zu einer • erhabenen Figur, da sie trotz allem wie alle anderen auch am Ende ihre eigenen Interessen verfolgt.

In den Objekten des Schönen ist Schönheit zerbrechlich wie im Fall des Krugs, eine lächerlich wirkende Maskerade wie bei • Adams verloren gegangener Perücke). Sie ist aber auch in Gestalt • Eves Anlass für Erpressung und sexualisierte Gewalt. In der kleinen, widersprüchlichen und von vielen Wahrheiten geprägten Welt der Gerichtsstube von Huisum haben die ästhetischen Ideale der • Weimarer Klassik (1786-1805) ebenso wenig Platz wie Kants Vorstellungen eines • "interesselosen Wohlgefallens". Und auch den "Brückenschlag zwischen der physischen und der moralischen Welt wie bei Kant (vgl. Greiner 2000a, S.51)." (Port 2013, S.354, Kindle Edition) kann das Schöne als Fassade nicht schaffen und lässt sich mit Kleists satirischem Blick auf eine korrupten Welt nicht in Einklang bringen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 13.04.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Benennen Sie die zentralen Unterschiede zwischen dem Schönheitsbegriff der Weimarer Klassik (insbesondere Schillers) und der Position Heinrich von Kleists. – Gehen Sie dabei im Detail auf die Funktion von Kunst als "politisch-pädagogische Leitvorstellung" ein.
  2. Erläutern Sie Kants Theorem des „interesselosen Wohlgefallens“ und analysieren Sie, inwiefern die Figur des Dorfrichters Adam im Zerbrochnen Krug einen direkten Gegenentwurf zu diesem ästhetischen Ideal darstellt.
  3. Untersuchen Sie die symbolische Bedeutung des Krugs in Marthe Rulls Beschreibung.  – Welche über die rein materielle Beschaffenheit hinausgehenden Ebenen (historisch, sozial, sexuell) weist die "Schönheit" des Objekts laut Text auf?
  4. Arbeiten Sie heraus, inwiefern Kleist das klassische Ideal der „schönen Seele“ (die Einheit von physischer Schönheit und moralischer Güte) in der Figur der Eve problematisiert.  – Welche Rolle spielt dabei ihre "Zwangslage" im Vergleich zur idealisierten Unschuld?
  5. Vergleichen Sie die äußere Erscheinung Adams mit den „virilen Heldenfiguren“ anderer Kleist-Dramen.  – Interpretieren Sie in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Verlusts seiner Perücke als Dekonstruktion ästhetischer und moralischer Fassaden.
  6. Beurteilen Sie die im Text aufgestellte These, dass Schönheit in der Welt des Zerbrochnen Krugs lediglich als "zerbrechliche Maskerade" oder "Anlass für Erpressung" fungiert.  – Beziehen Sie dabei das Geschichtsmodell der Frühromantik als möglichen Bezugspunkt Kleists mit ein.

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