Kleist Begriff des Schönen unterscheidet sich von dem »Immanuel Kants (1724-1804)
und den Vertretern der • Weimarer Klassik
(1786-1805), allen voran ▪
Friedrich Schiller (1759-1805), mit dessen Lehren er sich nicht
nur in seiner so genannten • Kant-Krise 1801,
sondern auch in seinen literarischen Werken immer wieder
auseinandersetzte. (vgl.
Greiner 2013a,
S. 206, Kindle Edition)
Das Verständnis der Schönheit als "normativ verbindliche(m)
Wertprädikat" (Port 2013,
S.354, Kindle Edition), wie es die "Klassiker" vertraten, überzeugte
Kleist nicht. Schiller forderte die Autonomie von Kunst ein. Diese
Forderung mündete in seinem "ästhetische(n) Gegenentwurf" (Berghahn
2000, S.260) zu der in den Entgleisungen der
Französischen Revolution (▪
Hinrichtung Ludwigs XVI. am 23. 1.1793, ▪
Errichtung der Diktatur des Wohlfahrtsausschusses
(Jakobinerdiktatur) sichtbar gewordenen Regression zum Tier und zur
Entfesselung der Triebe. Die in diesen Ereignissen widerstreitenden
Grundtriebe des Menschen wollte er im Rahmen der ▪
politischen Ausrichtung seiner Ästhetik mit den Mitteln der
Kunst über einen Prozess ästhetischer Erziehung wieder miteinander
versöhnen.
Auch • Kants Begriff der Schönheit
mit seinem •
Theorem
des "interesselosen Wohlgefallens" und der Vorstellung, dass
• "das Schöne (...) das Symbol des Sittlich-Guten
(ist)"
(Kant) wird von Kleist nicht geteilt. Für ihn ist Schönheit
nämlich kein "Symbol für den gelingenden Brückenschlag zwischen der
physischen und der moralischen Welt wie bei Kant (vgl.
Greiner 2000a, S.51)." (Port 2013,
S.354, Kindle Edition)
Schönheit ist für Kleist zwar "auch keine politisch-pädagogische
Leitvorstellung wie in der Geschichtsphilosophie Schillers" (ebd.),
und doch weisen Kleists Vorstellungen wohl auch gewisse
▪
Ähnlichkeiten
zu einem Geschichtsmodell der »Frühromantik
(ca. 1795–1804) (auch Jenaer Romantik), z. B. »Friedrich
Hölderlins (1770-1843) oder von »Novalis
(1772-1801) (= Georg Philipp Friedrich von Hardenberg) auf, das die
Geschichte in drei Phasen einteilte: eine ursprüngliche harmonische
Zeit, eine Gegenwart der Entfremdung und eine mögliche zukünftige
Überwindung dieser Entfremdung. (vgl.
Doering 2013,
S. 351)
Wenn Kleist in seinen Werken ein Objekt als "schön" bezeichnet,
geschieht dies gewöhnlich in einem alltagssprachlichen
Bedeutungszusammenhang. Schönheit wird dabei mit Vorstellungen über
das Gute, Erfüllende und Nützliche sowie allem konnotiert, das
irgendwie Wünschenswert erscheint. (vgl.
Port 2013,
S.354, Kindle Edition)
Im ▪ Zerbrochnen Krug taucht
das Adjektiv "schön" als Attribut zwei Mal im Zusammenhang mit dem
Nomen Krug auf. Zu Prozessbeginn verwehrt sich •
Marthe Rull gegen •
Adams Äußerung (•
"Ein Krug. Ein bloßer Krug",
7. Auftritt,
V 596) mit ihrer
Bemerkung
• "Der Krüge schönster ist entzweigeschlagen"
(7. Auftritt,
V 647), auch wenn
diese Schönheit angesichts der Scherben gar nicht mehr sinnlich
erfahren werden kann. Allein die Sprache kann die in den Augen •
Marthe Rulls ehemals
vorhandene Schönheit, die von den anderen eben nicht gesehen werden
kann (▪
"Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben
seht ihr"; 7.
Auftritt, V 646)
Adam will jedoch von der
"Schönheit" des Krugs nichts wissen:
"Frau Marth! Erlaßt
uns das zerscherbte Paktum
Wenn es zur Sache nicht gehört.
Uns geht das Loch – nichts die Provinzen an,
Die darauf übergeben worden sind.
(7. Auftritt,
V 675ff.)
Allerdings lässt
sich •
Marthe Rull davon nicht
beirren und beharrt darauf, dass es um die Schönheit des Krugs geht:
▪ "Erlaubt! Wie
schön der Krug, gehört zur Sache! –", (7.
Auftritt, V 679).
Damit verschafft sie sich die Möglichkeit, in ihrer episch breit
angelegten ▪
Krugbeschreibung (7. Auftritt, V
640 - V 674)
und Darstellung der •
Kruggeschichte (7. Auftritt, V
680 - V 729)
ihre subjektive Wertschätzung des Krugs als vermeintlich objektive
Schönheit des Objekts zu verkaufen.
Marthe Rull präsentiert ihn darin
weder als Haushaltsgegenstand noch als reines Kunstobjekt, sondern
stilisiert ihn zu einem symbolischen Träger niederländischer
Geschichte und Identität. Zugleich repräsentiert seine Schönheit
auch die "schöne Fassade" der bürgerlichen Ordnung im Allgemeinen
und der Familie von •
Marthe Rull. Als •
sexuelles Symbol, als •
Symbol der zerstörten Welt und
ihrer Werteordnung und als •
Symbol für den Verlust der Legitimität des niederländischen
Unrechtsstaats übersteigt die von ihr dargestellte Schönheit
Kruges in seinem eigentlich hässlichen und kläglichen Zustand der
Zerbrochenheit indessen den Horizont •
Marthe Rulls und dekonstruiert
die von ihr so wortreich als ihr Eigentum präsentierte und
verteidigte Schönheit des Kruges als Fassade.
Interesselos, im Sinne »Immanuel Kants (1724-1804),
ist die mit dem Krug präsentierte Schönheit nicht.
Das sexuelle Begehren •
Adams gegenüber •
Eve ist verbunden mit dem
zeitgenössischen Diskurs über die weibliche Schönheit, Tugend und ▪
Ehre, sowie damit
zusammenhängend über •
voreheliche und außereheliche
Sexualität und •
sexuelle
Gewalt in der frühen Neuzeit.
Gewöhnlich entsprechen die Vorstellungen über die weibliche
Schönheit dem, "was sich um 1800 mit dem Schlagwort vom ›schönen
Geschlecht‹ verbindet" (Port 2013,
S.355, Kindle Edition). Auch wenn Hinweise auf die äußere
Erscheinung •
Eves in der
dramatischen Rede sowie im
Nebentext (z.
B.
Bühnenanweisungen) fehlen, ist schon der Figurenkontrast der
"Jungfer" mit dem "alten Adam" Hinweis darauf, dass •
Eve in den Augen •
Adams ein attraktives
Sexualobjekt darstellt, das er sich mit Erpressung und
sexualisierter Gewaltanwendung sexuell gefügig machen kann.
Wie in zeitgenössischen Vorstellungen üblich, ist aber auch die
leibliche Schönheit •
Eves, wie sonst bei
weiblichen Figuren allgemein, eng verbunden mit Gemütsgüte,
unbeirrbarer Tugend und Unschuld. (vgl.
ebd.)
Gewöhnlich erscheint ist die idealisierte Vorstellung von einer
»schönen Seele« als die Verkörperung der physischen Schönheit des
weiblichen Körpers. Dies lässt sich an zahlreichen Frauenfiguren
Kleists aufzeigen. Dabei besitzt, wie Port (ebd.)
weiter ausführt, "diese Art der Schönheit in den Kleist’schen
Fallbeispielen etwas extrem Irritierbares und/oder Verletzbares."
Auch •
Eve weist •
Züge der
"schönen Seele" auf, allerdings wird ihr diese innere und äußere
Schönheit zunächst zum Verhängnis, das sie sie zum Objekt der Begierde
und •
sexualisierter Gewalt werden lässt. Dabei ist natürlich
keineswegs an eine Täter-Opfer-Umkehr gedacht, die etwa die Existenz
der "schönen Seele" mit ihren inneren und äußeren "Reizen" als
Ursache für die •
Eve als •
Opfer angetanen sexualisierten
Gewalt sieht.
Für den Dorfrichter •
Adam ist Eves
Schönheit kein Anlass für "interesseloses Wohlgefallen“ (Kant),
sondern weckt rein sexuelles Begehren. Er nutzt seine Machtposition
aus, um sie zu bedrängen.
Eves "innere Schönheit" zeigt sich
in ihrer Treue zu ihrem Verlobten •
Ruprecht, und ihrem
Verschweigen des Tathergangs in der Vornacht, um ihren Verlobten
Ruprecht zu schützen. Doch genau dieses Schweigen lässt sie nach
außen hin, in den Augen der anderen Figuren des Stücks, schuldig
erscheinen. An ihrem Beispiel verdeutlicht Kleist damit, dass auch
die "schöne Seele" in einer korrupten Welt nicht weiterhilft, wenn
bestimmte Falten als von den anderen akzeptierte Beweise (der
zerbrochene Krug) gegen einen sprechen.
Auch die Figur •
Adams lässt sich unter
der Perspektive der Fassadenhaftigkeit des Schönen betrachten. Er
ist die einzige Figur in Kleists Komödie, über dessen äußere
Erscheinung die Leser*innnen des ▪
Zerbrochnen Krugs mehr erfahren, weil sie in der
dramatischen Rede der Figuren immer wieder zum Thema gemacht wird.
Schon seine äußere Gestalt ist alles andere als "schön" und
entspricht, den "virilen Heldenfiguren" in keiner Weise, deren
"Sexappeal" sich in anderen Stücken Kleists "mit der Aura des
Kriegers, Ritters oder neuzeitlichen Militärs verbindet." (Port 2013,
S.355, Kindle Edition).
Adam ist behaart, hat einen
Klumpfuß und verliert seine Perücke (ein Symbol für die künstliche,
"schöne" Richterwürde. Durch Adams Hässlichkeit und seine moralische
Verdorbenheit wird das klassische Ideal (schöner Körper = gute
Seele) ins Lächerliche gezogen.
Immer wieder versucht •
Adam auch, sich durch
die Sprache und sein Amt eine "schöne" Fassade zu geben, scheitert aber an der harten
Realität der Beweise.
Allgemein gesehen, dient die Kategorie der Schönheit immer wieder
als Beweismittel, das aber nicht mehr funktioniert.
Marthe Rull ist von der Schönheit
des zerbrochnen Krugs bzw. den Implikationen, die sein Zerbrechen
für ihre und die soziale Existenz ihrer Tochter •
Eve bedeutet,
intellektuell und emotional so beherrscht, dass sie unbeirrt an
ihrer einmal gewählten Prozessstrategie festhält und zur Klärung der
Wahrheit nichts Wesentliches beiträgt.
In Kleists • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug fungiert das Schöne nicht als anzustrebendes Ideal und auch
die ▪
eingeschränkte bzw. gebrochene "schöne Seele" •
Eve wird nicht zu einer
• erhabenen Figur, da sie trotz allem wie alle anderen auch am Ende
ihre eigenen Interessen verfolgt.
In den Objekten des Schönen ist Schönheit zerbrechlich wie im Fall
des Krugs, eine lächerlich wirkende Maskerade wie bei •
Adams verloren
gegangener Perücke). Sie ist aber auch in Gestalt •
Eves Anlass für Erpressung
und sexualisierte Gewalt. In der kleinen, widersprüchlichen und von
vielen Wahrheiten geprägten Welt der Gerichtsstube von Huisum haben
die ästhetischen Ideale der • Weimarer Klassik
(1786-1805) ebenso wenig Platz wie Kants Vorstellungen eines •
"interesselosen Wohlgefallens". Und auch den "Brückenschlag
zwischen der physischen und der moralischen Welt wie bei Kant (vgl.
Greiner 2000a, S.51)." (Port 2013,
S.354, Kindle Edition) kann das Schöne als Fassade nicht schaffen
und lässt sich mit Kleists satirischem Blick auf eine korrupten Welt
nicht in Einklang bringen.