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▪
Regietheater
▪
Überblick
▪
Schulischer Dramenunterricht zwischen "Reclam-"
und Regietheater
• Kritiken zur Freiburger
Aufführung 2025
analysieren (materialgestütztes Schreiben)
•
Feministische
Inszenierungen untersuchen
• Szenenfotos von
Inszenierungen analysieren
›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) erlebte über die
Jahrhunderte hinweg eine wechselvolle • Rezeptionsgeschichte, wobei
man in diesem Zusammenhang zwischen der Aufführungsgeschichte des
Dramas und der Rezeptionsgeschichte unterscheiden kann.
Im nachfolgenden Text wird die Aufführungsgeschichte in Grundzügen
nachgezeichnet, um vor allem die neueren Inszenierungen des so
genannten •
Regietheaters mit der Betonung einer feministischen
Perspektive bei der Aufführung des Dramas besser einordnen zu
können.
Dabei macht die
Gegenüberstellung traditioneller und feministischer
Inszenierungsweisen auch deutlich, dass Kleists Drama eine
interpretatorische Offenheit besitzt, die es erlaubt, historische
Stoffe mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragestellungen
produktiv zu verbinden.
Über lange Zeit hinweg wurde •
Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ vor allem als komische Dorfsatire inszeniert. Im
Zentrum traditioneller Aufführungen vor 1970, die sich als besonders
textnah verstanden, stand dabei die Figur des Dorfrichters •
Adam. Er erschien meist
als grotesk überzeichnete Teufelsfigur, deren körperliche Gebrechen
und sprachliche Ausflüchte vor allem der komischen Wirkung des
Stückes dienen sollten.
Die Handlung wurde dementsprechend als
komisches Verwechslungsspiel
und als Farce über die menschlichen Schwächen des Dorfrichters
gelesen, während die satirischen Aspekte nur eine untergeordnete
Rolle spielten. Das gesamte
Setting des
Stückes, zu dem die Handlungen in und um den Prozess ebenso gehören
wie die Charakterzeichnung der Figuren, dienten einer letztlich
humorvollen Darstellung der Akteure in ihrer dörflichen Welt.
Dass
das Stück aber nicht immer als humorvoll angesehen wurde, macht die
• vielstimmige
Ablehnung deutlich, die das Stück nach •
Goethes Uraufführung am Weimarer Hoftheater (1808)
erfahren hat. Von einem "Schwank
von der Keckheit und Derbheit", einem "fürchterliche(n)
Lustspiel" und "moralische(m) Aussatz"
war da in den feinen Kreisen des Publikums die Rede, die offenbar so
gar keinen Humor hatten, und das Stück, den Autor und seinen
Regisseur •
am Ende, allerdings aus unterschiedlichen Gründen, ausbuhten. Ob
es auch an den von einem Teil des Publikums abgelehnten sexuellen
Anspielungen und Motiven lag, die Kleists Stück auszeichnen, kann
nicht verlässlich gesagt, aber doch vermutet werden.
Schon
Holl
(1923, S.235) hat angemerkt, dass Kleist "bei dem heiklen Stoffe
des Angriffs eines geilen alten Lüstlings auf ein unschuldiges
junges Weib (..) sorgfältig alles vermeiden (mußte), was sittliche
Unlustgefühle hätte erwecken können." Daher sei der "unsittliche
Anschlag Adams" zur Seite geschoben worden und durch den Krug
substituiert worden. Weil aber dabei die Gefahr, dass die
Zuschauer*innen trotzdem vor allem die unsittlichen Taten des
"Lüstlings" im Kopf behielten, nicht von der Hand zu
weisen gewesen sei, bekomme der Krug, quasi zur Ablenkung
von diesen Gedanken, in der Handlung (z. B. bei •
Marthe Rulls Krugbeschreibung
und ihrer • Erzählung über die
Herkunft des zerbrochnen Krug) so ein Gewicht.
Problematisch bleibt
indessen
seine • weitere Interpretation •
Adams und •
Eves, bei der er unter anderem
behauptet, die beiden entsprächen sich "in ihrer inneren Anlage", da
sie beide als "noch zwei ursprüngliche, naive Menschen [...]
deren Handeln nicht erkenntnismäßig, sondern triebhaft bestimmt"
sei, "die unmittelbare Grazie der Reflexionslosigkeit" besäßen.
Daher mache es auch "keinen Sinn, den einen zu verurteilen und den
andern zu preisen. Der eine ist die Ergänzung des anderen, wie Licht
und Schatten. Eve handelt instinktiv aus ihrer Liebe heraus, wie
Adam aus seinen sinnlichen Begierden." (ebd.,
S.237)
Die • Interpretation
Holls (1923),
die typisch für die lange Zeit anerkannte Sicht auf •
Adam und •
Eve war, ist heute nicht nur
unter feministischem Vorzeichen nicht mehr haltbar. Der
Machtmissbrauch und die damit zusammenhängende sexualistisierte
Gewalt kann und wird heute nicht mehr widerspruchslos mal schnell auf der Grundlage von absurden
•
Vergewaltigungsmythen und kognitiven Verzerrungen
sowie der evolutionär-biologischen Herleitung und
Legitimierung männlicher Triebhaftigkeit "normalisiert".
Sexualität und •
sexualisierte Gewalt, wie sie in der Komödie Kleists auf unterschiedliche Art
und Weise thematisiert werden, kam jedenfalls in den •
Inszenierungen des Stücks ab 1820, die es "sehr einsinnig als
Lustspiel, oft sogar als
pralle(n) Bauernschwank" (Blamberger
2011, S.255, Kindle Edition) inszeniert haben, meist nur als
derb-komisches Motiv vor. Dieses konnte zwar mitunter zotig und
zweideutig sein, wurde aber meist, zumindest vordergründig
betrachtet,
irgendwie als ein harmloses Moment der dramatischen
Handlung präsentiert. Im Kern aber wurde damit die in dem Stück
dargestellte sexualisierte Gewalt in der Regel verharmlost, wenn
nicht sogar gänzlich ausgeblendet.
Eve, die Tochter von •
Marthe Rull, deren •
Ehre
und • soziale Existenz im
Prozess um den zerbrochnen Krug auf dem Spiel steht, hatte in
dieser, auf leichte, humorvolle Unterhaltung angelegten
Aufführungstradition keinen bedeutsamen Platz. Man inszenierte sie
meistens als ein junges, schüchternes und schamhaftes Mädchen,
dessen Schweigen vor allem der
Aufrechterhaltung
der komischen Spannung bis zur endgültigen Entlarvung •
Adams diente.
Und auch der zerbrochene Krug wurde vor allem als ein Objekt
verstanden, das den Anlass für den Prozess lieferte, ohne eine
weitergehende • symbolische
Bedeutung zu entfalten. Eine analoge Behandlung erfuhr auch das
• Symbol des Ziegenbocks,
dessen sexuelle Bedeutung weitgehend unbeachtet blieb.
Die traditionell orientierten Inszenierungen bis zu den 1970er
Jahren wollten mit ihrer das Humorvoll-Komische herauskehrenden
Akzentsetzung vor allem eine Unterhaltung bieten, die, im Idealfall,
dem Publikum Entlastung und Erleichterung von seinen alltäglichen
Zwängen verschaffen konnte. Mit der Entlarvung •
Adams und dem Happy End
für das Brautpaar • Eve und •
Ruprecht schien die moralische
Ordnung dadurch wiederhergestellt, dass die drohende Katastrophe
komisch abgewendet wurde.
In
den Jahrzehnten seit Beginn der 1970er-Jahre
hat sich die den
traditionellen Inszenierungen vor 1970 meist zugrunde liegende
Lesart des Dramas grundlegend verändert. Indem das Stück zunehmend
unter feministischer Perspektive gelesen wurde, schafften es auch
feministisch orientierte Inszenierungen auf verschiedene Bühnen
freier Theater oder progressiven Stadttheatern, die politisch einen
emanzipatorischen Anspruch erhoben. Ihre Inszenierungen, die leider
oft nicht weiter dokumentiert worden sind, waren wohl die ersten
explizit feministischen Inszenierungsansätze.
Sie verschoben den
Fokus deutlich von der Komik hin zur Analyse von Machtverhältnissen
und sexualisierter Gewalt.
In ihren
Inszenierungen steht der Dorfrichter •
Adam nicht mehr für eine
vor allem lächerliche Einzelfigur, sondern repräsentiert ein
patriarchales Systems, das seine institutionelle Macht zur
Durchsetzung sexueller Interessen missbraucht.
Auch unter dieser
neuen Perspektive wird die Komik, die von •
Adam ausgeht, nicht
vollständig verneint. Sie wird allerdings absichtlich so gebrochen,
dass ihre moralische und strukturelle Verantwortung für das
Geschehen sichtbar werden.
Unter dem Fokus
feministischer Neubewertung wird vor allem •
Eve als Figur aufgewertet.
Statt wie in den traditionellen Aufführungen, dramaturgisch
betrachtet, vor allem
der
Aufrechterhaltung der komischen Spannung zu dienen, wird ihr
langes Verschweigen der Wahrheit in der feministischen Theaterpraxis
als Ausdruck von Angst, sozialem Druck und institutioneller Ohnmacht
inszeniert. Ihr ganzes mimisch-gestisches Spiel wird, auch wenn sie
nicht spricht, stärker herausgearbeitet, um sie auch dann "im Spiel"
zu halten, wenn sie sich nicht selbst äußert.
Der zerbrochene
Krug, vordem nur Objekt, das das
komische
Verwechselungsspiel vor Gericht in Gang setzt, wurde mit
feministischem Blick in seiner •
symbolischen Bedeutung erfasst und immer wieder als Zeichen
sexualisierter Gewalt gelesen. Dadurch wurden das Geschehen in •
Eves Kammer während der
Vornacht, die ganzen Fragen um den möglichen Verlust der Virginität
•
Eves infolge der sexuellen
Erpressung und Vergewaltigung der jungen Frau durch •
Adam neu gewichtet.
Auch der
Gerichtsprozess erfährt in feministischen Lesarten eine neue
Bewertung. Er erscheint nicht länger als bloße Farce, sondern als
Beispiel für institutionelles Versagen, in dem der Täter selbst die
richterliche Autorität innehat und das Verfahren systematisch
manipuliert.
Die Frage nach
Wahrheit wird dadurch eng mit Macht verknüpft, während Mechanismen
des Victim Blaming und der sozialen Kontrolle sichtbar werden.
Die
Dorfgemeinschaft fungiert dabei nicht mehr nur als komische Kulisse,
sondern als soziales Kollektiv, das durch Schweigen, Mitwissen oder
Wegsehen zur Stabilisierung patriarchaler Strukturen beiträgt.
Was feministische
Inszenierungen hervorheben, unterscheidet sich entsprechend deutlich
von der traditionellen Deutung. Zwar wird •
Adam auch hier entlarvt,
doch führt seine Entdeckung nicht zwangsläufig zu einer
vollständigen Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Vielmehr bleibt
häufig ein Moment der Irritation oder Bitterkeit zurück, das die
strukturelle Dimension des Unrechts betont und die Frage offen
lässt, inwiefern das System selbst tatsächlich überwunden ist. Damit
verschiebt sich die
Funktion des Lustspielschlusses von der
komödiantischen Entlastung hin zu einer kritischen Reflexion
gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Insgesamt zeigen
feministische Inszenierungen, dass ›Der zerbrochne
Krug‹ nicht allein als zeitlose Komödie, sondern auch als
vielschichtiger Text über sexuelle Gewalt, institutionelle Macht und
die prekäre Stellung weiblicher Figuren gelesen werden kann.
Seit der »#MeToo-Bewegung,
in der Frauen nach dem Bekanntwerden von Vorwürfen gegen den
mächtigen Filmproduzenten »Harvey
Weinstein (geb. 1952) wegen sexueller Belästigung weltweit unter
dem Hashtag #Metoo (wörtlich: "Ich auch" im Sinne von "Mir ist das
auch passiert") ihr Schweigen über sexuelle Übergriffe und
männlichen Machtmissbrauch brachen, wird das Thema sexualisierter
Gewalt in den zeitgenössischen feministisch orientierten
Inszenierungen immer wieder, z. T. in teilweise sehr drastisch
wirkenden Szenen, auf die Bühne gebracht, um den Finger auf die noch
immer vorhandene gesellschaftliche Verdrängung des Problems zu
legen.
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