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Der •
Vierte Auftritt
(•
Text) in
▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ steht dramaturgisch gesehen zusammen mit dem •
5. Auftritt am Übergang
von der •
Exposition in die Haupthandlung des Stückes, die mit der Ankunft
der Klägerin • Marthe Rull und ihrer
Tochter • Eve sowie dem von ihr
Beklagten • Ruprecht in Begleitung
seines Vater • Veit Tümpel im Gerichtssaal
einsetzt.
Dem Dorfrichter •
Adam,
der wegen eines angeblichen Sturzes beim Aufstehen am Morgen des
gleichen Tages verschiedene Blessuren und Verletzungen am Kopf und im
Gesicht davongetragen hat, steht der Besuch seines Vorgesetzten des
Gerichtsrats • Walter unmittelbar bevor, der
die Rechtspflege an seinem dem Huisumer Gericht überprüfen soll. Adam
und sein Schreiber • Licht sind
vorgewarnt. Sie wissen, dass der Gerichtsrat im Nachbarort kompromisslos
gegen den dortigen Richter vorgegangen ist, der sich der Unterschlagung
vom Gericht vereinnahmten Gelder schuldig gemacht hat. Adam hat sich im
Vorfeld der Revision von seinem Schreiber Licht, volle Loyalität zusagen
lassen, wird aber das Gefühl nicht los, dass beim Besuch seines
Vorgesetzten etwas herauskommen könnte, was sein Amt und seine soziale
Existenz gefährden könnte. Sein Alptraum und die panische
Betriebsamkeit, die er entfaltet, als der vorausgesandte Bediente des
Gerichtsrates das unmittelbar bevorstehende Eintreffen •
Walters ankündigt, versetzt
auch den Zuschauer in Spannung, der bis dahin einen Richter erlebt hat,
der in seinem angeschlagenen Zustand so gar nicht richterlich aussieht,
mit seinen grotesken und widersprüchlichen Erklärungen dafür als
komische Figur erscheint und sich im Umgang mit seinen Mägden, in
Sprache und Ton, unbeherrscht und herabsetzend verhält.
Adams Habitus ändert
sich mit dem Eintreffen des Gerichtsrates in der Gerichtsstube von
Huisum augenblicklich. Bei seiner Begrüßung begegnet seinem Vorgesetzten
mit ausgesprochener, ja übertriebener Höflichkeit und wählt seine Worte
mit Bedacht.
(V 285 -
V 291) Die Art und
Weise, wie er im Dialog mit dem Richter, der im Blankvers keine
Sprecherwechsel durch Unterbrechungen wie in den ersten Auftritten durch
Antilaben mehr aufweist, sondern Adam und dem Gerichtsrat Gelegenheit
gibt, ihre Rede ungestört diskursiv zu entfalten, signalisiert zunächst
auf der sprachlich-stilistischen Ebene eine symmetrische Kommunikation,
zu der die
▪
artifizielle ▪
Dramensprache des
▪
Blankvers ohne die
komischen Effekte passt, die seine Verwendung in etlichen Szenen der
Komödie Kleists erzeugt.
Allerdings schimmert
bei aller • ästhetischen Homogenisierung
der Sprache durch den Blankvers auch an dieser Stelle in der
Art, wie Adam den Gerichtsrat begrüßt, hindurch, dass Adam über die
Sachebene hinaus, eben auch seine Unsicherheit offenbart.
Der Gestus seines
sprachlichen Verhaltens wirkt nämlich so einschmeichelnd, fast devot,
dass der Gerichtsrat die unausgesprochene Sorge •
Adams
heraushört, er komme, um mit eiserner Hand nach dem Rechten zu sehen.
Aus diesem Grund erläutert er Adam in aller Ruhe und Gelassenheit, dass
er im Auftrag des Obertribunals dafür sorgen solle, die Rechtspflege in
den ländlichen Gebieten, die in mancherlei Hinsicht im Argen liege, zu
verbessern. Er sei also mit den besten Absichten unterwegs und wolle nur
bei offensichtlichen Missbräuchen mit aller vom Gesetz vorgesehenen
Strenge einschreiten. Allem anderen wolle er mit Nachsicht begegnen.
Adam scheint darüber
etwas beruhigt, baut aber gleich vor, um den Bereich, indem er auf
Nachsicht hoffe, genauer einzugrenzen. In ländlichen Gebieten wie um
Huisum herum,sei man eben noch nicht so weit wie in den Städten, so dass
hier eben noch oft nach altem Brauch Recht gesprochen werde. Aber
selbstverständlich sei er bereit, sich auch den neueren Entwicklungen
der Rechtspflege anzupassen, wenn dies gewünscht werde. Mit dem
sinnbildlichen und mit seiner Wiederholung nachdrücklich betonten
Hinweis, dass da natürlich "viel Spreu" vom Weizen getrennt werden müsse
und dabei kein allzu engmaschiges Sieb, das nichts durchlasse, verwendet
werden müsse, versucht er Walter mit seiner Offerte, bei weniger
Bedeutsamem Nachsicht walten zu lassen, beim Wort zu nehmen.
(V 285 -
V 291)
Zugleich interessiert
er sich aber auch dafür, wie • Walter die ihm zugetragenen
Vorfälle in Holla sieht. Dieser ist zwar verwundert, dass Adam davon
schon weiß, gibt allerdings keine detaillierten Auskünfte, sondern
beschränkt sich im Wesentlichen darauf, zu betonen, dass Richter
Pfauls Suizidversuch erst den Eindruck habe entstehen lassen, dass es
sich bei den zu monierenden Umständen an seinem Gericht nicht um
Schlamperei, sondern um bewusste Veruntreuung gehandelt habe.
Mit seiner Frage nach
der Anzahl von Kassen, die das Gericht in Huisum verwalte, scheint das
Gespräch eine mehr oder weniger abrupte Wendung von der verbindlichen
Plauderei hin zu dem Gegenstand der Revision durch den Gerichtsrat zu
nehmen. Als Walter zu seinem Staunen erfährt, dass das Huisumer Gericht
eine Kasse mit unzulässigen Einnahmen gefüllt hat, steht der Ernst der
Lage, in der sich Adam befindet, wieder realiter im Raum. Doch der
Gerichtsrat belässt es vorerst dabei, zeigt aber damit, dass er sich von
Adam in keiner Weise "einlullen" lässt. (V 326
- V 343) Seine
Revisionsstrategie am Huisumer Dorfgericht ist eine andere: Er will sich
während des am gleichen Tag stattfindenden Gerichtstages ein direktes
Bild von der Rechtsprechung am Huisumer Dorfgericht machen. Erst
danach wolle er sich mit der Registratur und den Kassen
befassen. Adam bleibt
nichts anderes übrig, als den Gerichtbüttel zu rufen, der die
Kläger hereinführen soll. Dabei macht seine hinhaltende Antwort
auf die Frage Walters, ob die Personen, die sich vor der Gerichtsstube
versammelt hätten, die Klageparteien seien, dass sich Adam der
prinzipiellen Risiken der Prozessvisitation durch Walter bewusst ist,
ohne dass im schon vor Augen steht, dass es in dem später stattfindenden
Prozess um den zerbrochnen Krug letztlich um seine Person gehen wird. (V
352 - V 363)
Die Szene verringert
mit den ausführlichen Repliken Adams und Walters das Tempo des
dramatischen Bühnengeschehens und richtet die Aufmerksamkeit der
Zuschauer*innen und Leser*innen auf den bevorstehenden Gerichtstag. Sie
kommt ohne nennenswerte komische Effekte aus, die erst im folgenden
Auftritt wieder eine wichtige Rolle spielen, die die Aufgabe hat, die
unmittelbare Vorgeschichte (der Vornacht) mit dem bevorstehenden
Gerichtstag auf komische Art und Weise zu verknüpfen.