Die ersten
• Wanderbühnen auf deutschem Boden kamen aus dem Ausland, wo sie aus
unterschiedlichen Gründen ihrem Geschäft nicht so nachgehen konnten,
wie sie sich das vorstellten. Mit ihren Rollwagen zogen die
Komödianten – man spricht vereinzelt auch auch von ihrem
"Komödiantendrama" (Szyrocki
1979/1994, S.292) – aus England, Italien, den Niederlanden und
Frankreich nach Deutschland, wo sie ein neues Publikum und damit
auch ein gesichertes Auskommen finden wollten. Was sie mitbrachten,
waren neue Stücke und ein neuartiger Schauspielstil, der sich von
dem zu Beginn noch dominierenden •
Ordensdrama der Jesuiten
und dem • protestantischen
Schultheater deutlich abhob.
Die ersten
englischen Komödianten kommen ab 1570 nach Deutschland. Ein
Teil der Truppe von »Robert
Browne (ca.1533-1622), die neben den Truppen von John
Bradstreet (1518-1559?), einem Akrobaten und Tänzer, der am Hof in
Wolfenbüttel auch Tanzunterricht gab (vgl.
Opitz-Trotman 2020,S.14, S.141), Thomas Sackville und Richard
Jones zu den bekanntesten der Zeit zählte,
unterhielt 1592 für einige Zeit unter der Leitung des Clowns Thomas Sackville (vgl.
Nunzeger
1929, S.308) den »Wolfenbüttler
Hof des Herzogs »Heinrich
Julius von Braunschweig (1564-1613) mit seinem Spiel. (vgl.
ebd.)
Browne hatte als
Prinzipal (auch:
Entrepreneur) seiner zwischen 10 und
15 Schauspielern und Musikern zählenden Truppe bei den
Einstellungen, den Gagen, bei der Anstellung und Entlassung von
Schauspielern ebenso das letzte Wort wie beim Spielplan der Truppe
und ihrer Ausstattung. Zugleich war er auch für die Beschaffung von
Auftrittsmöglichkeiten der Truppe verantwortlich. Dazu musste er mit
den städtischen Behörden verhandeln, um eine Spielgenehmigung (Privilegium)
zu erhalten (vgl.
Niefanger
2000/32012, S.183). Gewöhnlich gewährten die
städtischen Magistrate diese nur, wenn
gleichzeitig eine den ökonomischen Interessen dienende »Messe
in der Stadt stattfand (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.66).
Daher dürfte ein durchschnittliche Gastspiel etwa vierzehn Tage
gedauert haben. Lediglich "während spezifischer Perioden der
Lustbarkeit (Karneval z. B.) und während des Winters werden die
Truppen von Mäzenen wie etwa Fürsten oder Stadtverwaltungen auch für
längere Zeit gebunden und spielen dann ein Auftragsprogramm an dafür
vorgesehenen Orten." (Noe
2007, S.XI)
Browne selbst
gastierte
in den Jahren 1592-94 in Frankfurt und Nürnberg und auch in den
Jahren von 1601 bis 1607 hielt er sich wieder in Deutschland auf und
noch einmal in den Jahren 1618–20. (vgl.
Schrickx
1980,
1983)
Browne und andere
englische Schauspieler standen dabei unter der Schirmherrschaft von
Landgraf »Moritz
von Hessen-Kassel (1572-1632) der in den
Jahren 1603 bis 1606 in Kassel das erste feststehende Theatergebäude
Deutschlands, das »Ottoneum,
errichten ließ, in dem auch die englischen Komödianten in den Jahren
1606 und 1607 auftraten, Während ihres Gastspiels spielten die
englischen Komödianten aber nicht nur in der fürstlichen Residenz,
sondern traten auch für
das Volk auf Straßen und Plätzen auf. Sie führten darüber hinaus auf
Wunsch ihrer fürstlichen Gönner Höflinge in das Theaterspiel, in
Tanz und Akrobatik ein und nahmen nach und nach auch deutsche
Mitglieder in ihre Truppen auf. überwiegend wohl Studenten und
Handwerksgesellen. (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.63)
Sogar der Landgraf, der ein
großer Liebhaber des Theaters war, ließ es sich nicht nehmen,
einzelne Stücke im Stil der herkömmlichen volkstümlichen
Schwankliteratur für die englischen Komödianten zu verfassen. Mit
seinen Stücken aber gedachte er auch, das Publikum zu belehren und
zu dessen moralischer Erziehung beizutragen.
Im Mai 1618 gastierte Brownes Truppe erneut in Nürnberg, im Juni und Juli in Straßburg und im Herbst in
Frankfurt. Den Winter von 1619–20 verbrachte er mit seinen Leuten
am Hof von »Friedrich
V. (1596.-1632) und »Elisabeth
Stuart (1596-1662), für kurze Zeit »König
und Königin von Böhmen in Prag, Anfang 1620 war Browne wieder in
Deutschland. (vgl.
Nunzeger
1929, S.63)
Mancherorts konnten
Prinzipale das
Bürgerrecht erwerben und auf eigene Kosten Komödienhäuser nach
höfischem Vorbild als Logen- und Rangtheater mit einer »Guckkastenbühne
als Spielstätten errichten. Anderswo wurden ihnen von der
jeweiligen Stadt geeignete Räumlichkeiten vermietet oder
verpachtet. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.109) Auch dort konnten sie nach dem
Repertoireprinzip arbeiten,
spielten also eine bestimmte Auswahl von Stücken immer wieder,
solange das Publikum ihnen die Treue hielt.
Gewöhnlich
verdienten die Wandertruppen so viel, dass sie sich davon ernähren,
weiterreisen und die Kosten für benötigte Requisiten, Kostüme u. ä.
davon bestreiten konnten. Trotzdem war ihre wirtschaftliche Lage von
großer Unsicherheit gekennzeichnet, denn selten wurden sie für
längere Zeit an den Höfen engagiert.
Um ihre prekäre Lage zu
verbessern, versuchten die meisten Prinzipale "ein
Patent als Hofkomödiant zu
erlangen, das ihnen zwar nicht Lohn und Brot bei Hofe sicherte, sie
aber im Herrschaftsbereich des betreffenden Fürsten zur
Berufsausübung berechtigte und oft die Erlangung der Spielerlaubnis
durch den Rat der Stadt erleichterte." (Kehr
2007, S.1180)
Viele Wanderschauspieler waren jedenfalls auf
Einkünfte aus einem mit ihrer Wandertätigkeit leicht zu
vereinbarenden Zweitberuf angewiesen und betätigten sich als
Zahnreißer, die Zähne zogen, Pferdehändler oder »Bruchschneider.
(vgl. ebd.,
S.1181)
Andererseits waren
die Schauspieler und Komödianten angesichts der geringen
Bevölkerungszahl der deutschen Städte im 17. und frühen 18.
Jahrhundert "zu einem Wanderleben gezwungen, das sie als fahrendes
Volk abstempelte" (Fischer-Lichte
1993.,
S.107). Dieses soziale Vorurteil brandmarkte die Schauspieler als
"ehrloses Volk". Kein Wunder, dass sich bekannte Wandertruppen im
18. Jahrhundert immer wieder bemühten, in einer Stadt sesshaft zu
werden und die Magistrate, nicht zuletzt mit dem Argument zur
Belebung des Fremdenverkehrs zur Einrichtung
stehender Bühnen zu motivieren suchten.
Insgesamt gesehen kann man diese
Wanderbühnen als "Aktionstheater" (Niefanger
2000/32012, S.183) bezeichnen, bei dem der
gesprochene Text – anfangs war dies ohnehin noch Englisch –
gegenüber der Bühnenhandlung in der Kommunikation mit dem Publikum
an zweiter Stelle stand. Auch dies war ein Merkmal, das die
Wanderbühne von dem die dramatische Rede deklamierenden,
humanistisch geprägten •
Jesuitentheater und •
protestantischen Schultheater unterschied.
Die englischen
Wanderbühnen, aber auch die italienischen und niederländischen, die
durch das Land zogen, brachten nicht nur neue Stoffe und Stücke mit,
sondern allem voran einen neuen Spielstil und eine zum Teil
beachtlichte schauspielerische Leistung, die, wie
Szyrocki
(1979/1994, S.296) betont, in den Handwerker- und Schulstücken,
die das breite Publikum sonst zu sehen bekam, nicht erreicht wurde.
Der Prinzipal
spielte in den Stücken meistens die wichtigste Rolle. Dies war der
Clown, der in Deutschland auch •
Pickelhäring oder Stockfisch genannt
wurde. (vgl.
ebd.,
S.293) Er war eine komische Figur, ein Spaßmacher und Narr
gleichermaßen, der oft außerhalb der Handlung der aufgeführten
Szenen und Stücke stand und diese mehr oder weniger witzig
kommentierte.
Häufig gehörte der Truppe auch ein so genannter
Springer an, der komisch wirkende
akrobatische Tänze vorführte.
Auch als
Deutsch mehr und mehr zur Bühnensprache der
Wanderbühne wurde, behielt das
nonverbale, körperbetonte Spiel noch
lange seine herausragende Bedeutung für die Wanderbühne und wurde
auch später von den • deutschen Wanderbühnen übernommen (vgl. Szyrocki
1979/1994, S.297, vgl.
Niefanger
2000/32012, S.184).
Diese
auf die Publikumswirkung
ausgerichtete Spielpraxis war für die Wandertruppe
wirtschaftlich und kommunikationsbedingt nötig und beeinflusste
natürlich auch die Auswahl der Stücke, die von der Wanderbühne
vorgeführt wurden. Bei der Auswahl der Stücke waren die Wanderbühnen
allerdings nicht frei, sondern mussten sich, da sie •
in den Städten unter der Aufsicht der Behörden standen, nach dem
richten, was man ihnen vorgab.
So waren sie in ihrer Stückauswahl nicht
wirklich frei.
Bevor sie nämlich in einer Stadt eine Auftrittsgenehmigung erhielten,
hatten sich die städtischen Behörden durch
verlässliche Kontaktpersonen meist schon vorher ein Bild von der
Truppe und ihrem Repertoire gemacht. Häufig verlangten
sie sogar geschlossene Probevorstellungen, um über die moralische
Qualität der Stück urteilen zu können. Gab es Beanstandungen
dann sprachen sie regelmäßig Verbote für bestimmte Stücke aus
oder verlangten, dass bestimmte Textpassagen gestrichen wurden.
Dennoch konnten sie
bis etwa 1780 herum, trotz immer wieder aufkeimender Kritik, "ihre Stücke vor
Fürsten und Kleinadel, Akademikern und Kaufleuten, Beamten und
Handwerkern weitgehend unbeanstandet, ja meist äußerst erfolgreich
aufführen". (Fischer-Lichte 1993,
S.68) Erst die »Pietisten wandten sich um die Jahrhundertwende massiv
gegen ihr öffentliches Auftreten, weil sie von den negativen
Wirkungen ihrer Stücke zutiefst überzeugt waren. In gewisser Weise
zeigte sich darin "bereits ein von der bürgerlichen Elite
eingeleiteter Funktionswandel des Theaters" (ebd.,
S.69)
Sonst
spielten die Wanderbühnen im Allgemeinen das, was beim Publikum ankam. Ihre
Stücke führten ihm "die große Welt
der Höfe, der Könige und Heerführer, der Intrige, des Verrats und
des Mordes vor Augen" (vgl. Szyrocki
1979/1994, S.296). Man inszenierte •
Singspiele und Possen,
mythologische Stücke und Tragödien, die nach Belieben
verändertet wurden.
Vor allem die so
genannten »Haupt-
und Staatsaktionen, einer Mischung aus dramatischen Vorlagen
und Stegreiftheater, bei dem die Schauspieler "aus dem
Stegreif" wie schon bei der •
Commedia
dell’arte (Improvisationskomödie) spielten, zielten bei
ihrer Inszenierung mehr auf möglichst spektakuläre Effekte,
zeigten möglichst pompöse Szenen (z. B. Krönungsszenen und
Festgelage), bei denen die Schauspieler prachtvolle
Kostüme trugen und kümmerten sich recht wenig auf die
dichterische Vorlage, die sie eigentlich nur als Sprungbrett für
ihre Improvisationen nutzen. Effekt und Wirkung war alles, das
künstlerische Niveau dagegen galt nichts."
So spielten sie, oft in ihren eigenen Bearbeitungen
Stücke, die von
verfasst worden sind.
Daneben wurden auch
Stücke mit einem biblischen Hintergrund
(z. B. Daniel,
Susanna oder Der verlorene Sohn) aufgeführt.
Manchmal
wurde auf den Wanderbühnen auch ein deutschsprachiges •
schlesisches Trauerspiel von »Andreas
Gryphius (1616-1664) oder von »Daniel
Caspar von Lohenstein (1635-1683) gegeben. (vgl.
Fischer-Lichte (1993,
S70f.). Ein "Dauerbrenner" (ebd.)
nach dem
»Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde »Johann
Rists (1607-1667) »"Friede
wünschendes Teutschland" (1647).
Ferner gehörten
auch die so genannten •
Pickelhäring-Stücke zum
Repertoire der englischen Komödianten, in der ein Narr zum einen
"für eine störungsfreie und erfolgreiche Kommunikation zwischen
Bühne und Zuschauern zu sorgen" (ebd.,
S.74) hatte. Mit seinen derben Späßen sorgte er für Entlastung gegen den
Zivilisationsdruck und die und die fortschreitende
▪
soziale Disziplinierung der frühneuzeitlichen
Gesellschaft.
Vor allem die so
genannten »Haupt-
und Staatsaktionen, einer Mischung aus dramatischen Vorlagen
und Stegreiftheater, bei dem bei die Schauspieler "aus dem
Stegreif" wie schon bei der •
Commedia
dell’arte (Improvisationskomödie) spielten, zielten bei
ihrer Inszenierung mehr auf möglichst spektakuläre Effekte,
zeigten möglichst pompöse Szenen (z. B. Krönungsszenen und
Festgelage), bei denen die Schauspieler prachtvolle
Kostüme trugen und kümmerten sich recht wenig auf die
dichterische Vorlage, die sie eigentlich nur als Sprungbrett für
ihre Improvisationen nutzen. Effekt und Wirkung war alles, das
künstlerische Niveau dagegen galt nichts.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
08.08.2025
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