Portfolioarbeit: Darum geht's-
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Portfolioarbeit ist auch eine Frage der
Lernkultur
Thomas
Häcker
(2006) beschreibt in einer persönlichen Stellungnahme zur Arbeit mit
Portfolios über das Befremden, das ihn, nach Schulbesuchen in Schottland
und USA, angesichts der in deutschen Schulen herrschenden Lernkultur
ergriffen hat:
"Die 'Künstlichkeit' der Schule entpuppte sich als ein
durchdringender Zwangskontext, sein zentrales Thema waren die Noten. In
der Schule zählten nur der Erfolg und alles, was ihm diente. Er
beeinflusste das Selbstbild der Schüler, das Klima innerhalb ihrer
Familien und bestimmte schließlich ihre späteren beruflichen Chancen. Als
Lehrer fand ich mich in dem ständigen Bemühen. die Mitte zwischen der für
den Lehr-Lern-Prozess notwendigen Nähe und einer für den
Beurteilungsprozess ebenso notwendigen Distanz zu meinen Schülern
auszubalancieren. Tagtäglich sah ich mich vor die widersprüchliche
Aufgabe
gestellt, Unterschiede auszugleichen und gleichzeitig herstellen zu
sollen. Viele Schüler schienen am Sinn des Lernens in der Schule zu
zweifeln. Sie lernten, was von ihnen verlangt wurde, wickelten
Aufgabenstellungen sehr formal ab, entwickelten aber meist keinerlei
erkennbaren Bezug zu den Inhalten des Lernens. Vieles davon blieb für sie
offensichtlich ohne jede Bedeutung. Andere Schüler zeigten eine eigentümliche Mischung aus Lernwillen und
Lernverweigerung. Solches 'widerständiges Lernen' belastete unser
Lehrer-Schüler-Verhältnis zum Teil erheblich." (Häcker
2006, S.15)
Nun hat sich das Gesicht deutscher Schulen in den letzten 15
Jahren schon deutlich gewandelt, auch wenn noch immer berufene oder
weniger berufene Kritiker aus ihrem permanenten Alarmismus heraus
Kapital schlagen wollen und mit ihren Büchern in den
Bestsellerlisten landen. Ihnen und ihrer Schulschelte soll hier
nicht weiter Vorschub geleistet werden.
Portfolioarbeit ist in der Schule, auch in Deutschland mittlerweile
nicht mehr wegzudenken, und hat in allen Schularten und Fächern Fuß gefasst.
In diesem Zusammenhang können aus der Vielzahl der
entsprechenden unterrichtlichen Verwendungen nur einige wenige
Beispiele aufgeführt werden, die auf teachSam ausgeführt sind:
Die Kompetenzorientierung des Lernens setzt die Akzente für
schulische Portfolioarbeit
Insbesondere der Paradigmenwechsel des Lernens in ▪
kompetenzorientierten Unterrichtskonzepten hat dazu
beigetragen, dass auch ▪
offene Unterrichtskonzepte, zu denen man die
prozessorientierte Arbeit mit Portfolios zählen kann, für schulische Lernprozesse immer wichtiger
geworden sind. Die beim ▪
offenen
Unterricht konstitutiven, anders als im herkömmlichen Unterricht
gestalteten Lehrer-Schülerbeziehungen, der ihm zugrundeliegende
erfahrungsoffene und handlungsorientierte ▪
erweiterte Lernbegriff,
die Zusammenstellung von Lernarrangements über längere Zeiträume
hinweg und die Selbständigkeit und Selbstorganisation der Lernenden
als übergeordnetes Ziel des
selbstreguliertem,
eigenverantwortlichen Lernprozesses sind Kennzeichen des offenen
Unterrichts, die bei der Portfolioarbeit umgesetzt werden. (vgl.
Köpke 1994,
Necker-Zeiher
2007 u. a.)
▪
Herkömmliche
und offene Unterrichtskonzepte im Vergleich
Auch wenn Portfolioarbeit generell an bestimmte ▪
Voraussetzungen gebunden ist, macht es aber auch wenig Sinn, jede Portfolioarbeit mit besonders
hohen Ansprüchen an Unterricht, Lernkultur und Bildungssystem zu
überfrachten. Es empfiehlt sich daher bei der Portfolioarbeit sehr
pragmatisch und flexibel vorzugehen, da Lehrkräfte und Schüler*innen
u. U. noch nicht oder nicht hinreichend über die dafür nötigen
Kompetenzen verfügen. Dabei können bestimmte ▪
Orientierungspunkte helfen, die
Ziele erfolgreicher Portfolioarbeit nicht aus den Augen zu
verlieren.
Zudem gibt es nicht das eine Portfolio, sondern
zahlreiche verschiedene ▪
Typen,
und auch nicht nur einen Weg, um Portfolioarbeit sinnvoll zu
gestalten. Ein Portfolio hat nämlich "so so viel oder so wenig
Platz im Unterricht, wie der Lehrer will, und andererseits ist es so
unterschiedlich wie der Schüler, der es erstellt." (Becker-Mrotzeck/Böttcher 2006/2011,
S. 105)
Ein geeignetes Lernsetting gehört dazu
Erfolgreiche Portfolioarbeit in der Schule beruht aber ungeachtet
der oben genannten Einschränkungen auf einem
Setting,
das curriculare und institutionelle Veränderungen impliziert, die
letztlich auch auf eine "Abkehr von einem
ergebniszentrierten
Bildungssystem" hinauslaufen (Bräuer
2002, S. 5) und damit einen Paradigmenwechsel der Lernkultur
erforderlich machen.
Portfolioarbeit verlangt also letzten Endes mehr als eine
besondere
Unterrichtsatmosphäre, die geprägt ist "von Experimentierfreudigkeit
gegenüber Lerninhalten und –methoden, von produktiver Offenheit gegenüber
Lernschwierigkeiten und –erfolgen und von reflexiver Praxis, die das eigenen
Handeln kritisch hinterfragt.“ (Bräuer
2002, S. 2f.,
Smith 1997, S. 145ff.).
Bei der Arbeit mit Portfolios sind alle Akteure - Schüler*innen und
Lehrkräfte - ihr Verhältnis als Partner*innen in einem förderlichen
Lernprozess zu gestalten und entsprechend zu agieren.
Portfolioarbeit in der Schule folgt
dabei der Erkenntnis, dass der Lernerfolg von Schüler*innen weniger von dem Ausmaß der Strukturierung und Lenkung
als von einem förderlichen Lernsetting einschl. dem Klassenklima und
besonders von der wertschätzenden Haltung der Lehrperson abhängig
ist,
die sie dem / den Schüler/n gegenüber einnimmt. Auch in stark
eigenverantwortlich angelegten Lernprozessen müssen sich die
Schüler*innen auf die
verstehende Zuwendung ihrer Lehrkraft verlassen können, die sie
als einzelne Personen sieht und ihre Motive, ihr Bemühen, ihre
emotionalen Stärken und ihre problematischen Seiten wahrnehmen und
verstehen kann. (vgl.
Bauer 2007,
S. 64f.) Was Rolf Dubs (2009,
S. 91) und andere Wissenschaftler für schulische Lernprozesse im
Allgemeinen fordern, nämlich dass es vor allem darauf ankommt, eine
förderliche Lernumgebung herzustellen mit einem warmen und
ermunternden Klassenklima und einem Unterricht, der
situationsgerecht die ganze Bandbreite direkten und indirekten
Lehrerverhaltens zur Steuerung und Begleitung der Lernprozesse
einbringt (vgl. Dubs
2009, S. 91), gilt dementsprechend auch für die Portfolioarbeit.
Die Lehrkräfte als
Lernberater*innen
Die Lehrkräfte sind
dabei als Lernberater oder Lerncoaches ((»Coaching)
gefragt, die ihr eigenes Handeln reflektieren und stets nicht-direktiv,
sondern kooperativ agieren. Das impliziert aber auch, dass sie die
Schüler*innen führen, denn "Führung bedeutet die Notwendigkeit, Werthaltungen
zu vertreten, Ziele zu formulieren, Schüler zu fordern, als Lehrkraft
mutig zu diesen Forderungen zu stehen und Kritik zu üben, Schülerinnen
und Schüler dabei aber Mut zu machen und sie in ihren Anstrengungen" (Bauer
2007, S. 54) im Rahmen eines
selbstreguliertem,
eigenverantwortlichen Lernprozesses zu unterstützen. Wie
intensiv, d. h. auch wie häufig Lernberatung, auch im Sinne von
Rückmeldeprozessen, bei der Portfolioarbeit zum Zuge kommt, hängt
dabei von etlichen Faktoren ab. Klar ist jedenfalls, dass nicht alle
Schüler*innen gleichermaßen gut mit dem eigenverantwortlichen Lernen
umgehen können.
▪ Lernprozesse
coachen
Diese personenzentrierte Einstellung der Lehrkräfte, die
auf der »humanistischen
Psychologie von »Carl
R. Rogers (1902-1987) gründet, "drückt sich zunächst einmal in einem grundlegenden
Vertrauen in die konstruktiven Kräfte, in das natürliche
Wachstumspotential und die 'innere Weisheit' einer jeden Person
aus. Personenzentrierte Erzieher (Eltern, Lehrer oder Gruppenleiter usw.)
geben ihre Rolle als 'Belehrer' weitgehend auf. Sie entwickeln stattdessen
eine Haltung, in der sich als 'facilitator' sehen, als jemand der
selbstbestimmtes und bedeutungsvolles Lernen unterstützt und fördert (to
facilitate: erleichtern, fördern)." (Teml
41994,S.24).
Für die Portfolioarbeit bedeutet dies u. a., dass die Lehrkräfte
-
zusammen mit
ihren Schüler*innnen, einen problemorientierten, im besten Fall
problemlösenden Portfolioprozess konzipieren, der sich an der
Kompetenzentwicklung und den individuellen Leistungsfähigkeiten
der Schülerinnen und Schüler orientieren muss.
(Binnendifferenzierung)
-
den Wunsch nach
Kompetenzerleben und die dahinter stehenden Bedürfnisse nach
Autonomie, nämlich "seine Ziele und seine Handlungen selbst
bestimmen [zu] können" (Ziegler/Stern/Neubauer
2012,
S.15) ernst nehmen
-
die ▪
besonderen motivationalen und volitionalen Aspekte,
insbesondere auch bei der
asynchronen Kommunikation berücksichtigen, und ihren
Schüler*innen
volitionale
Strategien vermitteln, die ihnen dabei helfen können, die
Motivation, die
Aufmerksamkeit und die
Emotionen beim Verfolgen eines Ziels zu
kontrollieren.
▪
Lernberatung - Scaffolding
▪
Überblick
▪
Praxis der Lernberatung (Taxonomie)
▪
Überblick
▪
Lernberatung bei der Planung
▪
Lernprozesse anregen
▪
Lernhandlungen ausführen
▪
Selbstbewertung unterstützen
▪
Selbstbeurteilung anregen
Portfolioarbeit im Lern- und Übungsraum
Wer mit Portfolios
arbeiten
will, bewegt sich im Allgemeinen im
Lernraum oder
Übungsraum
schulischen Lernens, mit dem entsprechenden
Lernraum-
bzw.
Übungsraumsetting. Wenn die Schüler*innen im schulischen
Klassenzimmer mit oder ohne eine digitale Lernplattform arbeiten,
gestaltet sich das
Setting,
also die engen, vielfältig aufeinander bezogenen Verbindungen von
Handlungen und einer darauf abgestimmten Umgebung, zwischen
sozialer, physischer und digitaler Welt ausmachen, natürlich anders,
als in einer außerschulischen, z. B. häuslichen Umgebung.
Beides
sind sehr unterschiedliche Bedingungen und auch die beste
digitale Lernplattform kann den Präsenzunterricht in einem Klassenzimmer mit seinen
vielfältigen sozialen und pädagogischen Aspekten nicht abbilden oder
gar ersetzen. Genau so wenig kann das Arbeiten mit einer digitalen
Lernplattform die lebensweltlichen Bedingungen steuern, die zu einer
förderlichen Lernumgebung gehören, wenn zu Hause gearbeitet wird.
Dass man nämlich dort ein Zimmer besitzt, wo man ungestört und ohne
größere Ablenkungen arbeiten kann, ist in vielen Haushalten
überhaupt nicht möglich.
Und ein Weiteres ist von Bedeutung,
insbesondere im Zusammenhang mit den verschiedenen Möglichkeiten,
die die digitale Kommunikation bietet: Es ist es auch bei der Portfolioarbeit und der dabei
praktizierten Lernberatung von grundlegender Bedeutung, ob der
Portfolioprozess bzw. die Arbeit am Portfolio in ▪
synchroner oder
asynchroner Kommunikation gestaltet wird.

Für größere Darstellung bitte anklicken!
Ob die Aufgaben, die im Rahmen einer Portfolioarbeit vorgegeben
oder im besten Fall von Schüler*innen und Lehrkräften vereinbart
worden sind,
Lern-,
Übungs- oder u. U. sogar
Leistungsaufgaben darstellen, ist für die Konzeption und
Durchführung einer kompetenzorientierten Portfolioarbeit ebenso von
großer Bedeutung wie die Beachtung von Kompetenzniveaus, die mit den
einzelnen Aufgaben verbunden sind.
-
Fasst
man den
Lernraum
lerntheoretisch und didaktisch, sollen darin
Lernaufgaben in einer besonders eng und vielfältig
aufeinander bezogenen Verbindung von Handlungen und einer darauf
abgestimmten förderlichen Lernumgebung bewältigt werden. Das
Programm
Lernraumsettings steht ganz im Zeichen des Kompetenzerwerbs.
Wer es ausführt, will Bewährtes ausprobieren, neue Wege gehen,
Neues lernen und verstehen. Dabei ist sind Irrwege zulässig,
Fehler erlaubt, die im besten Fall selbst wieder Lernprozesse
auslösen. Lernaufgaben im Rahmen der Portfolioarbeit so zu
konzipieren, dass sie den besonderen Anforderungen dieses
Aufgabentyps entsprechen, ist Aufgabe der Lehrkräfte. Sie müssen
den Schüler*innen als solche verdeutlicht werden.
-
Genauso verhält
es sich bei
Übungsaufgaben, die für den
Übungsraum
konzipiert werden. Hier geht es vor allem darum, bereits
erworbene Fähigkeiten
zu trainieren.
Es ist bei der Konzeption von Aufgaben bei
der Portfolioarbeit
aber stets wichtig, nicht oder jedenfalls nur sehr zurückhaltend mit
den herkömmlichen Methoden der Leistungsmessung umzugehen. Dass am
Ende der Portfolio-Arbeit z. B. eine klausurähnliche Abfrage von
Wissen, das zur Notengebung herangezogen wird, steht, dürfte den
Prozesscharakter und die Elemente und die auf selbständiges Lernen
hinzielenden Elemente der Portfolioarbeit eher konterkarieren. (vgl.
Winter (2007, S. 34f.)
Gert
Egle, zuletzt bearbeitet am:
15.01.2024
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