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Der •
Zweite Auftritt
(•
Text) in
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ ist eine Szene, die auf verschiedene Art und Weise eine
komische Wirkung erzeugt und das Publikum zum Lachen reizt. Dabei
rührt dieser Lachanreiz auch daher, dass die Rezipient*innen schon
im Zuge des ersten Auftritts in
eine komische Grundstimmung versetzt
wurden, weil Sprache und dargestellte Situation ebenso wenig
zueinander passen, wie, je nach Inszenierung und Bühnenbild, der
tatsächliche Handlungsort und eine Gerichtsstube.
Das Erscheinen des
Bedienten, der das wider Erwarten unmittelbar bevorstehende Eintreffen
des Gerichtsrats • Walter in der Gerichtsstube
Huisum ankündigt, zwingt den Dorfrichter •
Adam und seinen
Schreiber • Licht dazu, zu einer geradezu
hektisch verlaufenden Beschleunigung von Aktivitäten, mit denen sie sich
auf die Ankunft des Revisors vorbereiten wollen. Dabei geht allerdings
einiges schief. Die Art und Weise, wie
die Vorbereitungen Adams auf den unmittelbar bevorstehenden Besuch des
Gerichtsrates aussehen, ist auf vielerlei Art und Weise komisch.
In Panik geraten ruft
er nach seinen beiden • Mägden Liese
und Margarete (V 167) und
weiß zunächst nicht, was er tun soll (Was tu ich jetzt? Was laß
ich?", V 170),
greift aber dann nach einer allem Anschein nach Alltagshose (V
171) als dem nächstbesten Kleidungsstück, um sich wenigstens
anzuziehen. Sein Schreiber • Licht erkennt sofort, dass
dieses Kleidungsstück unpassend ist und weist Adam darauf hin, dass
stattdessen der feinere
Rock, ein »Herrenrock
angebracht sei. Wirkt allein schon diese Situation komisch, so wird die
Situationskomik noch dadurch verstärkt, dass Adam, als sich die erste
Magd hinter ihm mit den Worten meldet "Hier bin ich,
Herr Dorfrichter."
, V 172) sich erschrocken
umsieht, weil er glaubt, der Gerichtsrat habe zu ihm gesprochen. Die
weitere Ankleideprozedur nimmt dadurch weitere Fahrt auf und wird durch
die Verwechselung der nacheinander anzuziehenden Kleidungsstücke zu
einer »slapstickartigen
•
Situationskomik, die noch dadurch potenziert
wird, dass • Licht in dem ganzen hektischen
Durcheinander eine verbindliche Kommunikation mit dem Bedienten
versucht. (V 175f.). Diese
wird allerdings von Adam sofort dadurch konterkariert, dass er den
freundlichen Gruß an den Gerichtsrat mit dem derben Ausruf "Den Teufel
auch!" (V 178)
kommentiert, der allein schon im Kontrast zu der von Licht verwendeten
Sprache, aber auch in der mit dieser Wortwahl kontrastierenden •
Blankversgestaltung der •
dramatischen Rede
komisch wirkt.
Sprachlich komisch
wirkt auch auch die Art und Weise, wie •
Adam für einen Moment in
Betracht zieht, sich wegen "Krankheit" (V
187) "entschuldigen" zu lassen, komisch, zumal das Verb
entschuldigen in dreifacher Wiederholung als
Antilabe in einem
Vers im Sprecherwechsel von Adam und Licht vorkommt.
Erleichtert ("Gut",
V 182) erwartet sich Adam,
als er erfährt, dass der Wagen des Gerichtsrates erst noch vom Schmied
repariert werden muss (V 181),
offenbar einen Zeitgewinn. Dem Schmied, von dem er weiß, dass er "faul"
(V 183) ist und daher wohl
langsam arbeitet, will er daher von dem Bediensteten des Gerichtsrats
ausdrücklich seinen Gruß ausrichten lassen. ("Mein Empfehl.",
V 182) Zudem übertreibt er
vor den Augen und Ohren des Publikums die Folgen seines Sturzes ("Ich hätte Hals und Beine fast gebrochen",
V 184) und "dramatisiert"
in einer elaboriert wirkenden Umschreibung, dass ihm Aufregungen
unmittelbar auf den Darm schlagen und Durchfall hervorrufen würde ("Und jeder Schreck
purgiert mich von Natur",
V 186) wie ihn sonst nur ein Abführmittel ("Pulver",
V 190) auslösen könne. Der
Hinweis auf diese physischen Folgen, die mit dem, was das Publikum bis
dahin über Adam und die Folgen seines Sturzes weiß, wirken besonders
lächerlich, zumal es damit nur noch einmal bestätigt bekommt, was die
ganze von Adam verbreitete Hektik bedeutet: Adam hat die Hosen voll vor
Angst, was der Gerichtsrat entdecken könnte ("Der Teufel soll mich holen.",
V 189)
So ist das Publikum
auch nicht verwundert, als er • Lichts
Warnungen ("Seid Ihr bei Sinnen?",
V 187; "Das fehlt
noch, daß Ihr auf den Weg ihm leuchtet",
V 191) dann doch nicht in den Wind schlägt und sich mit weiteren,
wenngleich nicht weniger durcheinander gehenden Vorbereitungen auf den
bevorstehenden Besuch des Gerichtsrates beschäftigt. Und auch diese
wirken komisch und lächerlich und zwar situativ, charakterlich und
sprachlich.
Da ist zunächst der
herabsetzende Ruf nach seiner Magd Margarete, die er wegen ihrer sehr
schlanken bzw. dürr erscheinenden körperlichen Gestalt als "Sack
voll Knochen" (V 192)
bezeichnet, und damit, je nach Inszenierung der Figur, eine Bemerkung
macht, die zumindest Teile des männlichen Publikums Lachanreize bietet.
Als die beiden • Mägde Liese und
Margarete auf seinen Befehl hin wieder auftreten und sich mit den Worten
melden "Hier sind wir ja",
V 193) wirkt
die Replik Adams, die den logischen Gegensatz von "Hier" und "Fort" (V
193) in einer Antilabe im selben Vers betont, so inkongruent, dass sich das
Publikum davon durch Lachen befreit. Die ungenauen und widersprüchlichen
Anweisungen sowie die Beschimpfung ("Maulaffe",
V 196), mit denen •
Adam seine in diesem
Durcheinander ebenfalls verwirrten Mägde zum Wegbringen von "Kuhkäse,
Schinken, Butter, Würste, Flaschen" aus der Gerichtsstube in die
Registratur antreibt (V
194f.), und den zaghaften Protest der zweiten Magd derb zurückweist
("Halt's Maul",
V 199),
wirkt nicht nur wie in anderen ähnlichen Fällen wegen der Wortwahl im
Kontrast zur artifziellen • Blankversgestaltung der •
dramatischen Rede
komisch, sondern führt auch dazu, dass die von Adam beanspruchte
richterliche Amtswürde zusehends verlacht wird.
Diese rückt durch die
Aufforderung Adams an eine seiner Mägde, ihm die Perücke, eines der
äußeren Amtszeichen, zu bringen, unmittelbar in den Mittelpunkt. Während sich
eine von ihnen auf die Suche danach
macht und Adam vergebens versucht, seine Stiefel anzuziehen, kommt es zu einem Dialog zwischen Adam, Licht und dem Bedienten
des Gerichtsrats über den Unfall, den der Gerichtsrat mit seinem Wagen
gehabt habt. Nicht nur die Vielzahl der dabei auftretenden
Missverständnisse, sondern auch die unverhohlene Schadenfreude, mit der
Adam das Ereignis und seine Folgen quittiert ("Daß er den Hals gebrochen!",
V 208) gestaltet das Gespräch der
drei Figuren, von denen Adam und Licht ihren eigenen Gedanken zu folgen
scheinen, ohne auf den anderen einzugehen, so wirr und damit lächerlich,
dass sich der Bediente am Ende mit den Worten verabschiedet: "Adies, ihr Herrn. –
Ich glaub, die Kerls sind toll."
(V 212) Zuvor war das
Spiel der Worte um Hand, Schmied, Deichsel und Doktor in einer durch das
Tempo des Sprecherwechsels (Antilabe) so massiven Weise durcheinander
geraten, dass alle drei aneinander vorbeigeredet haben.
Und auch die nach
dem Abgang des Bedienten stattfindende Kommunikation zwischen Licht und
Adam über dieses wirre Reden vor den Augen und Ohren des Bedienten
wird überlagert durch die hektischen Anweisungen, die Adam seiner Magd
gibt, die mit dem Wegschaffen der Würste aus der Gerichtsstube
beschäftigt ist und die Wurst mit den Pupillenakten verwechselt (V
213 - V 219). Die
Verschachtelung der beiden Dialoge ist die Struktur, die zu den daraus
resultierenden komischen Effekten führt.
ADAM.
Ihr gebt Euch bloß,
Gevatter.
LICHT.
Wieso?
ADAM.
Ihr seid verlegen.
LICHT.
Was!
Die erste Magd tritt auf.
ADAM.
He! Liese!
Was hast du da?
ERSTE MAGD.
Braunschweiger Wurst, Herr
Richter.
ADAM.
Das sind
Pupillenakten.
LICHT.
Ich, verlegen!
ADAM.
Die kommen wieder zur
Registratur.
ERSTE MAGD.
Die Würste?
ADAM.
Würste! Was! Der
Einschlag hier.
LICHT.
Es war ein Mißverständnis.
"
Mit der Rückkehr der
zweiten Magd (Margarethe), die • Adam mitteilt, dass sie seine
Perücke nicht an dem von ihm angegebenen Ort habe finden können, enden
diese slapstickartig
inszenierten Verwirrungen und Missverständnisse. Auf den ersten
Blick fällt die komische Spannung, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer
bis dahin auf sich gezogen hat, dadurch ab. Der sich entwickelnde Dialog
zwischen Adam und seinen • Mägden
verläuft zunächst, bis zu der Stelle, an der Liese die Aussage von
Margarethe bestätigt, dass Adam in der Vornacht ohne Perücke nach Hause
gekommen sei, nämlich ohne komisierende Akzente. Die Aussage von Liese,
"Kahlköpfig wart
Ihr, als Ihr wiederkamt; /
Ihr spracht, Ihr wärt
gefallen, wißt Ihr nicht? /
Das Blut
mußt ich Euch noch vom Kopfe waschen." (V
228 - V 230) bringt
die komische Wendung. Sie nimmt die komische Spannung durch die dadurch
mehr oder weniger offenkundige Lüge Adams gegenüber Licht im •
Ersten Auftritt (V
13 - V 23 und
V 50 -
V 61) wieder auf, da Adam
alles bestreitet und der Magd das "Maul"
verbietet (V 232). Als der
offenkundig angelogene • Licht aber doch wissen will,
ob Adam sich die Kopfverletzung doch schon früher als behauptet
zugezogen hat, will sich Adam, der offensichtlich gelogen hat, mit
wüsten Beschimpfungen gegen Liese ("Scher dich zum
Satan, wo du hingehörst!",
V 239) herauswinden und
versucht, seine Version der "Wundgeschichte" zu retten, indem er den
Verlust seiner Perücke in eine eigene Erzählung verpackt. Zudem bemüht
er ausgerechnet im Moment, wo seine Lüge entlarvt ist, seine "Ehre"
(V 236), um seine
Glaubwürdigkeit im Vergleich zu der "ehrlosen" Magd herauszustreichen.
In den Augen des Publikums, das es inzwischen besser weiß, wirkt allein
dies schon lächerlich.
Mehr noch: Mit der
absurd-grotesk wirkenden "Katzengeschichte"
(V 242 -
V 259), der Katze, dem "Schwein"
(V 242), die am Morgen mit
ihren frisch geborenen Jungen seine auf den Boden gefallene Perücke
unter seinem Bett "eingesäuet"
(V 242) habe, macht er
sich nicht nur in den Augen des Publikums lächerlich.
Als er die
Geschichte mit seinen Plänen, was er mit den angeblich fünf Jungen zu
tun gedenke, wohl im Glauben, dass dies ihre Glaubwürdigkeit erhöht,
"episch" ausbaut, fängt sogar •
Licht, der das Ganze durchschaut, augenzwinkernd an, die Geschichte weiterzuspinnen (V
253). Dies bringt •
Adam wiederum aus dem Konzept (V
255), so dass •
Licht kurz darauf aus einer das Ganze durchschauenden
Position einlenkt ("Gut, gut.",
V 258) Und selbst aus der
Domestikenperspektive, der Perspektive Margarethes, der Magd, wirkt das,
in das sich Adam in einer moralischen Attitüde zum Abschluss seiner
Katzengeschichte hineinsteigert ("Kanaillen die
Die balzen
sich und jungen, wo ein Platz ist.",
V 258f.) so komisch, dass
sie, wie der Nebentext
vorgibt, "kichert" (V
259).
Ob diese Reaktion als Entlastung von der sexuellen
Anzüglichkeit der Aussage •
Adams zustande kommt, die auch das Publikum an
dieser Stelle mitnimmt, oder ob es eher situativ zu deuten ist, lässt
Kleist, der ja dem Nebentext kaum auktoriale Vorgaben macht offen.
Wahrscheinlich wirkt beides bei der überaus komischen Wirkung der Szene
zusammen.
Mit den zahlreichen
Detail, mit denen •
Adam seine Katzengeschichte
anreichert und ausschmückt und auch mit der äußerst offensiv
vorgetragenen Geste, er könne eine der Katzen sogar •
Licht schenken, wird das, was
•
Adam sagt, in keiner Weise
"wahrer", soll seine Version des Perückenverlusts beglaubigen. Ob und
wie dies bei der Rezeption auch wie gewünscht wirkt, ist hingegen
angesichts der Reaktion Lichts und der Magd eher zweifelhaft. Dennoch
erreicht Adams Geschichte damit zumindest der Tendenz nach eine
"Anschaulichkeit, die durch ihre sinnliche Prägnanz sich im
Vorstellungsnachvollzug gerade als ein Konkretes, Wirkliches einzuprägen
vermag;“
(Michelsen 1977, S.275)
Im Übrigen tischt •
Adam mit der gleichen
Strategie später dem Gerichtsrat •
Walter eine •
andere Version des Perückenverlusts auf (10.
Auftritt, V 1489 -
V 1498), wonach die
Perücke beim Aktenstudium bei Nacht von einer Kerze entflammt und
gänzlich verbrannt sei. Ob und inwieweit •
Walter diese Lüge durchschaut, lässt sich allerdings nur vermuten. Er bohrt
jedenfalls nicht weiter nach und lässt sich, auch wenn er offenbar
nicht beabsichtigt, ein Glas Wein nach dem anderen zu leeren, von •
Adam, der einen Trinkspruch
auslobt, doch zum zweiten Mal in kurzer Zeit das Glas füllen.