Die •
dramatische Spannung des Stückes
fällt mit der zu Beginn des • Zehnten Auftritts
eintretenden Verhandlungspause zunächst einmal ab. Diese entsteht
durch die Zeit, die • Licht
benötigt, um • Frau Brigitte in
den Gerichtssaal zu bringen (9.
Auftritt, V
1410) , damit sie dort die von •
Marthe Rull angekündigte Aussage über ihre Beobachtungen in der
Vornacht in Marthes Garten (9.
Auftritt, V
1344) machen kann.
Unter dem Blickwinkel der •
Komposition des Dramas, die
verdeutlichen kann, dass der
Einakter nach der
• Aufteilung der Handlung in
fünf verschiedene Akte mit dem •
Kompositionsprinzip
des Dramas der geschlossen Form nach
Gustav Freytag (Technik des Dramas,
1863) beschrieben werden kann, ist der •
Zehnte Auftritt (als 4. Akt)
als fallende Handlung bzw. als
retardierendes Moment konzipiert, dessen Aufgabe darin besteht,
den einem (glücklichen) Ausgang zustrebenden Konflikt, wenn man
darunter das Happy End für •
Ruprecht und • Eve versteht,
durch irgendwelche Verwicklungen hinauszuzögern.
Dementsprechend
erhält das Publikum bzw. die Leser*innen im Verlauf dieser Szene nur
wenige neue Informationen, die sein Wissen über die Ereignisse in
der Vorgeschichte des • analytischen
Dramas mehren. Das Abfallen der Spannung in der Szene wird durch
eine besonders •
situations-, •
sprach- und •
charakterkomische Gestaltung der Szene kompensiert, die vor
allem •
ästhetisch-unterhaltende Funktion besitzt.

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Im Zentrum der
Szene steht •
Adams Bestreben, das unterbrochene
Verfahren weiter zu verzögern und die Prozesspause dafür zu nutzen,
die Beziehung zu • Walter zu
verbessern.
Diese ist durch die
eigenwillige (7. Auftritt,
V 611) und inkompetent
wirkende Prozessführung •
Adams schon so belastet, dass sein
Vorgesetzter, der Gerichtsrat • Walter,
der dem Prozess beiwohnt, um die Rechtspflege am Huisumer
Dorfgericht zu überprüfen (4.
Auftritt, V 359f.),
schon mehrfach zum Ausdruck gebracht hat, dass der seit 10
Jahren in seinem Amt tätige Dorfrichter (11.
Auftritt, V 1814) nicht mehr länger haltbar
ist (7. Auftritt,
V 611,
V 618;
V 835,
9. Auftritt,
V 1121).
Die Prozesspause
gibt •
Adam die unverhoffte Chance, •
Walter auf eine private Art und Weise anzusprechen. Aus diesem
Grund will er zunächst die Klageparteien aus dem Gerichtssaal auf
den Flur davor verweisen, um sich unbeobachtet •
Walter anzubiedern, wird jedoch von •
Walter daran gehindert.
Walter durchschaut die Mauschelei-Absicht •
Adams, durchkreuzt sie, lässt sich
in der Prozesspause von Adam aber den schon früher angebotenen, aber
von ihm abgelehnten Wein (5.
Auftritt, V 398ff.)
kredenzen. "Laut", d. h. vor aller Augen und Ohren (V
1416), bittet er •
Adam zu dessen großer
Begeisterung, ihm ein Glas Wein anzubieten. Damit lässt er sich auf
ein Spiel ein, bei dem er wohl davon ausgeht, weiterhin die
Kontrolle über das gesamte Geschehen zu haben. Ein Trugschluss
letzten Endes, denn nach mehreren Gläsern Wein ist er, als die
Prozesspause mit dem Eintreffen •
Lichts und • Frau Brigitte
endet,
offenbar so angetrunken, dass er kurz vor deren Ankunft, "verwirrt" ob all der widersprüchlichen Aussagen
und seiner gescheiterten Indizienkette
gegen •
Adam,
aus freien Stücken zum
siebten Mal zum Nachschenken des Weines auffordert:
WALTER verwirrt.
– Schenkt ein, Herr Richter Adam, seid so gut. /
Schenkt gleich mir ein. Wir wollen eins noch trinken. (V
1655f.)
Bis es dahin kommt,
lässt •
Adam von seiner •
Magd Margarete alles auftischen,
was er anbieten kann (z. B. Wein, Käse und Gans) (V
1427f.) und später von seinen beiden •
Mägden einen Tisch in der
Gerichtsstube mit einer weißen Tischdecke aus feinem Damast (V
1450) festlich herrichten. Auf diese Weise wird die
Gerichtsstube quasi umfunktioniert bzw. zu der Art von Raum, den sie
bis zu Adams Aufräumaktion angesichts des bevorstehenden Eintreffens
von •
Walter gewesen ist (2.
Auftritt, V 193ff.):
der
Lebensraum eines dem weltlichen Genuss zugeneigten Dorfrichters,
in dem sich eine private Atmosphäre herstellen lässt.
Auch wenn es •
Adam nicht gelingt, die
Klageparteien in der Prozesspause aus der Gerichtsstube zu
verweisen, will er die Gunst der Stunde nutzen. Aus der Tatsache,
dass er dabei eine hektische Betriebsamkeit entfaltet und ein
Mehrgespräch (vgl.
Pfister
1977, S.197) mit seiner Magd, den Klageparteien und Walter
gleichzeitig führt, entstehen zunächst •
situations- und •
sprachkomische Effekte.
Die sprachliche Gestaltung des •
Blankverses mit Äußerungen Adams
in einem Vers, die sich an unterschiedliche Adressaten richten,
sowie die im jeweiligen Vers vorgenommen Sprecherwechsel (Antilabe)
erhöhen nicht nur das Tempo der
dramatischen Rede in diesen Textpassagen, sondern führen immer
wieder zu Rückfragen der Angesprochenen. Zugleich macht sie auch die
Nervosität Adams deutlich, der jetzt nichts unversucht lassen will,
den Dingen vor der Aussage • Eves
noch eine für ihn günstige Richtung zu geben. Am liebsten würde zwar
• Eve am liebsten noch einmal
unter vier Augen sprechen sprechen, wie er in kurzem
monologischen Beiseitesprechen (a parte) kundtut ("Zwei
Augenblicke mit der Dirn allein –",
V 1445), um zu
erkunden, was sie demnächst aussagen wird, und um den schon vorher
aufgebauten Druck (7. Auftritt,
V 509 -
V 536;
9. Auftritt,
V 1097 -
V 1117) auf sie zu
erhöhen, allerdings findet sich dafür jetzt unter den Augen von •
Walter, der diese privaten Einlassungen des Dorfrichters mit den
Klageparteien schon vor Prozessbeginn gerügt hatte (7.
Auftritt, V 537)
auch keine Gelegenheit mehr.
Immerhin gelingt es ihm, •
Walter aber trotz dessen Einwände an den auf seine Anweisung hin
festlich gedeckten Tisch zu bewegen und ihm alle jene Delikatessen,
die er vor seiner Ankunft noch in die Registratur hatte bringen
lassen (2.
Auftritt, V 193ff.),
zum Genuss und Verzehr anzubieten. Mit dieser Veränderung der
äußeren Bedingungen der Kommunikation beim Imbiss ändert sich auch
die Tonlage, mit der •
Adam den Gerichtsrat anspricht.
Erstmals spricht er ihn nicht mehr als seinen Vorgesetzten in dem
bis dahin meist unterwürfigen Ton an, sondern adressiert seine
Schmeichelei an die ihm nun gegenüber sitzende Privatperson, geht
sogar soweit, ihn in die Nähe eines "Freundes" zu rücken.
"Das ist der
Vorteil /
Von uns verrufnen hagestolzen
Leuten, /
Daß wir, was andre knapp und kummervoll, /
Mit Weib und Kindern täglich teilen müssen, /
Mit einem Freunde zur gelegnen Stunde,
/
Vollauf genießen." (V
1451 - V 1456)
Walter reagiert darauf jedoch nicht, sondern kommt darauf
zurück, was er schon zu Beginn der Prozesspause ansprechen wollte (V
1413). Er will von •
Adam wissen, wie und wann er sich
seine Kopfwunden zugezogen hat (V
1457). Die
gleiche Frage hat er •
Adam zwar schon einmal kurz vor
Beginn des Prozesses gestellt (5.
Auftritt, V 405),
sich aber dabei mit einer kurzen Erklärung zufrieden gegeben. Jetzt
aber, nach der Aussage •
Ruprechts, der behauptet hat, den Flüchtenden
aus • Eves Kammer zweimal mit der Klinke am Kopf getroffen zu haben (7.
Auftritt, V 980),
scheint •
Walter doch zu dämmern, dass der
Dorfrichter in die Sache verstrickt sein könnte.
Und auch die
Sache
mit der nicht vorhandenen Perücke •
Adams scheint ihm jetzt doch doch
zumindest suspekt. Hatte er vor dem Prozess •
Adams Erklärung, dass dies
einem unglücklichen Zufall geschuldet sei (5.
Auftritt, V 373)
hingenommen, will er jetzt doch genau wissen, was passiert ist.
Wenig spricht dafür anzunehmen, dass •
Walter zu dieser Stelle schon einen konkreten Verdacht gegen •
Adam hegt, aber was dieser ihm zur
Erklärung auftischt, zerstreut den Argwohn •
Walters nicht.
Da der Schreiber •
Licht, der von •
Walter beauftragt worden war, •
Frau Brigitte zu holen (9.
Auftritt, V 1410),
nicht zugegen ist, kann •
Adam seinem Vorgesetzten eine ganz
andere Version des Geschehens als die • "Katzengeschichte" (2.
Auftritt, V 242ff.)
präsentieren, die ihm schon sein Schreiber •
Licht und seine • Mägde
am frühen Morgen nicht abgenommen hatten. Die Version, die er •
Walter auftischt, soll ihn bei allem Missgeschick, das ihm
widerfahren ist, als dienstbeflissen beim Aktenstudium bis in den
Abend hinein zeigen "(Ich sitz und lese gestern abend / Ein
Aktenstück," V 1489
- V 1498) Die ganze
Geschichte ist aber nicht weniger grotesk als die früher
präsentierte Lüge für den Perückenverlust. Ob und inwieweit •
Walter die Lüge durchschaut, lässt sich nur vermuten. Er bohrt
jedenfalls nicht weiter nach und lässt sich, auch wenn er offenbar
nicht beabsichtigt, ein Glas Wein nach dem anderen zu leeren, von •
Adam, der einen Trinkspruch
auslobt, doch zum zweiten Mal in kurzer Zeit das Glas füllen.
Was die weitere Aufklärung der Sache mit dem Krug angeht, gibt sich
•
Walter •
Adam gegenüber wenig optimistisch,
geht aber davon aus, dass der Täter von Adam aber schon noch an
seinen Wunden überführen werde. Trotzdem will er noch weitere
Details klären, die mit dem Geschehen der Vornacht zusammenhängen.
Von • Marthe Rull erfährt er, dass
vor dem zwar nur weniger als einen halben Meter über dem Boden
befindlichen Fenster Eves ein Weinstock an einem Spalier rankt, der
mit einem Sprung aus dem Fenster nicht so leicht zu überwinden sei.
Ruprecht teilt ihm, unterbrochen von •
Adams Bemühen, sich und dem
Gerichtsrat immer wieder weiter Wein einzuschenken, und seinen
Trinksprüchen, mit denen die Bedeutung und Ernsthaftigkeit von •
Ruprechts Angaben zur Sache •
situations- und •
sprachkomisch konterkariert werden mit, dass er den Täter
zweimal mit der Klinke auf dessen Flucht am Kopf getroffen habe. Die
Tatsache, dass sich •
Ruprecht auf die Frage •
Walters hin, jetzt daran erinnert, den Flüchtenden zweimal am
Kopf getroffen zu haben, ist ein neuer Aspekt, der in seiner
früheren Aussage zum Tathergang (7.
Auftritt, V 980)
so nicht enthalten war, gibt •
Walter einen weiteren Fingerzeig darauf, dass •
Adam, dessen beide Wunden am Kopf
er sich ja gerade hatte von diesem erklären lassen (V
1768), der Flüchtende gewesen ist.
Hinzukommt, dass • Marthe Rulls
Beschreibung des als Hindernis schwer zu überwindenden Spaliers vor
• Eves Kammerfenster und •
Ruprechts Bericht, dass der Flüchtende noch einen Moment "in den
Pfählen [...], am Spalier / Wo sich das Weinlaub aufrankt bis zum
Dach" (7.
Auftritt, V 976)
hängen geblieben war, sowie der "zerkritzt(e)" und "zerkratzt(e)" (V
1776) Zustand •
Adams eine kohärente Erzählung
über diesen Teil der Ereignisse der Vornacht zulassen.
Alle
Indizien, einschließlich der
von •
Walter schon früher monierten unzulässigen Zwiesprache •
Adams mit •
Eve vor Prozessbeginn (7.
Auftritt, V 509) -
V 537) und ihrer
sonderbar nachsichtigen Behandlung während des Verfahrens (9.
Auftritt, V 1243)
sowie die
ominöse
Geschichte über den Perückenverlust (V 1489
- V 1498) deuten
auf •
Adam.
Deshalb will •
Walter am Ende noch von ihm und •
Marthe Rull wissen, wie sich ihre Beziehung zueinander
gestaltet. (V 1558)
Als • Marthe Rull •
Adams Aussage, dass er nur selten
im Haus der Witwe verkehre (V
1565), bestätigt (V
1568ff.) und dies sogar
mit einer gewissen Enttäuschung kundtut,
kommen •
Walter Zweifel, ob sein Verdacht gegen •
Adam berechtigt ist. Die Tatsache,
dass Kleist den Gerichtsrat diese Zweifel in kurzem
monologischen Beiseitesprechen (a parte) laut äußern lässt ("Hm! Sollt ich auch
dem Manne wohl –"
V 1581), verdeutlicht, wie wichtig es dem Autor ist, dass das
Publikum bzw. die Leser*innen an dieser inneren Regung •
Walters teilhaben können, um sich ein Bild über die Intentionen
zu machen, mit denen dieser in der Prozesspause seine Fragen an die
Prozessbeteiligten stellt. Zugleich lässt die Verwendung des •
Gedankenstrichs,
mit dem die •
vollständige Ausführung des Gedankens abgebrochen wird, im
Einzelnen offen, was ihn genau auf diesen Verdacht gegen Adam,
dessen Namen von ihm in der kurzen Bemerkung nicht genannt wird,
gebracht hat und wie er damit künftig umzugehen gedenkt. Ganz
aufgeben will •
Walter aber seinen Verdacht noch nicht und hakt noch einmal nach
und gibt •
Adam gegenüber seiner Verwunderung
Ausdruck, dass er trotz der Hilfe, die ihm •
Eve eigenen Aussagen zufolge hin und wieder bei seinen
erkrankten Hühnern leiste, der Dorfrichter • Marthe Rull
keinen Dankesbesuch abgestattet habe. Statt •
Adam antwortet • Marthe Rull
und erzählt munter drauf los, von den Krankheiten der Perlhühner
Adams und ihrer Behandlung, was zusätzlich zur "Verwirrheit" des
inzwischen angetrunkenen Gerichtsrates beiträgt, der,
wie oben erwähnt, den hellauf begeisterten •
Adam daraufhin auffordert, sein
Weinglas zum siebten Mal zu füllen (V
1655f.). Als •
Walter dann noch • Marthe Rull
zuprostet und ihr, auf die von ihr
artikulierte
Enttäuschung hin Hoffnung macht, dass •
Adam sie sicher in absehbarer Zeit
besuchen werde, hält die Witwe ihm entgegen, dass sie nichts
besitze, was den Dorfrichter in ihr Haus locken könne. Damit
entlastet sie unwillentlich •
Adam so eindeutig, dass •
Walter nur noch zu konstatieren bleibt, dass dies "um so viel
besser" (V 1606)
sei. Sein Versuch, eine schlüssige Indizienkette zum Beweis für
seinen Verdacht gegen Adam zu schmieden, scheitert letzten Endes an
den an •
Adams tatsächlichen Absichten und
Taten völlig vorbeigehenden Aussagen • Marthe Rulls.
Für •
Adam ist die Prozesspause, die
mit dem Erscheinen • Lichts
und • Frau Brigittes endet, wenn
nicht unbedingt nach Plan, so doch mit dem Ergebnis zu Ende
gegangen, dass der ihm von •
Adam entgegengebrachte Argwohn,
was seine Verstrickung in die Krugsache anbelangt, zunächst einmal
vom Tisch ist. Seine Absicht, die belastete Beziehung zu seinem
Vorgesetzten zu verbessern, ist im Rahmen des gemeinsamen Imbisses, vor
allem aber durch das gemeinsame Trinken einer beträchtlichen Menge
Weines in gewissem Maße gelungen. Nicht zuletzt der anfangs zwar
zögerliche, dann aber kräftige Weingenuss, dem •
Walter zuspricht, scheint die kritische Vernunft des
Gerichtsrates soweit herabgesetzt zu haben, dass •
Adam von ihm in der Sache keine
Gefahr mehr auf sich zukommen sieht. Mit seinem andauernden
Nachschenken und seinen Trinksprüchen, die immer wieder •
Walters Fragen unterbrechen, trägt er bewusst zu der Verwirrung
seines Vorgesetzten bei.