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Aspekte der Szenenanalyse

Aspekte der Analyse und Interpretation

Heinrich von Kleist Der zerbrochne KrugHandlungsverlaufEinzelne SzenenZehnter Auftritt

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Die • Analyse des • Zehnten Auftritts  (• Text) in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ kann unter • zahlreichen Aspekten erfolgen.


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Die • dramatische Spannung des Stückes fällt mit der zu Beginn des • Zehnten Auftritts eintretenden Verhandlungspause zunächst einmal ab. Diese entsteht durch die Zeit, die • Licht benötigt, um • Frau Brigitte in den Gerichtssaal zu bringen (9. Auftritt, V 1410) , damit sie dort die von • Marthe Rull angekündigte Aussage über ihre Beobachtungen in der Vornacht in Marthes Garten (9. Auftritt, V 1344) machen kann.

Unter dem Blickwinkel der • Komposition des Dramas, die verdeutlichen kann, dass der Einakter nach der • Aufteilung der Handlung in fünf verschiedene Akte mit dem • Kompositionsprinzip des Dramas der geschlossen Form nach Gustav Freytag (Technik des Dramas, 1863) beschrieben werden kann, ist der • Zehnte Auftritt (als 4. Akt) als fallende Handlung bzw. als retardierendes Moment konzipiert, dessen Aufgabe darin besteht, den einem (glücklichen) Ausgang zustrebenden Konflikt, wenn man darunter das Happy End für • Ruprecht und • Eve versteht, durch irgendwelche Verwicklungen hinauszuzögern.

Dementsprechend erhält das Publikum bzw. die Leser*innen im Verlauf dieser Szene nur wenige neue Informationen, die sein Wissen über die Ereignisse in der Vorgeschichte des • analytischen Dramas mehren. Das Abfallen der Spannung in der Szene wird durch eine besonders • situations-, • sprach- und • charakterkomische Gestaltung der Szene kompensiert, die vor allem • ästhetisch-unterhaltende Funktion besitzt.


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Im Zentrum der Szene steht • Adams Bestreben, das unterbrochene Verfahren weiter zu verzögern und die Prozesspause dafür zu nutzen, die Beziehung zu • Walter zu verbessern.

Diese ist durch die eigenwillige (7. Auftritt, V 611) und inkompetent wirkende Prozessführung • Adams schon so belastet, dass sein Vorgesetzter, der Gerichtsrat • Walter, der dem Prozess beiwohnt, um die Rechtspflege am Huisumer Dorfgericht zu überprüfen (4. Auftritt, V 359f.), schon mehrfach zum Ausdruck gebracht hat,  dass der seit 10 Jahren in seinem Amt tätige Dorfrichter (11. Auftritt, V 1814) nicht mehr länger haltbar ist (7. Auftritt, V 611, V 618; V 835, 9. Auftritt, V 1121).

Die Prozesspause gibt • Adam die unverhoffte Chance, • Walter auf eine private Art und Weise anzusprechen. Aus diesem Grund will er zunächst die Klageparteien aus dem Gerichtssaal auf den Flur davor verweisen, um sich unbeobachtet • Walter anzubiedern, wird jedoch von • Walter daran gehindert. Walter durchschaut die Mauschelei-Absicht • Adams, durchkreuzt sie, lässt sich in der Prozesspause von Adam aber den schon früher angebotenen, aber von ihm abgelehnten Wein (5. Auftritt, V 398ff.) kredenzen. "Laut", d. h. vor aller Augen und Ohren (V 1416), bittet er • Adam zu dessen großer Begeisterung, ihm ein Glas Wein anzubieten. Damit lässt er sich auf ein Spiel ein, bei dem er wohl davon ausgeht, weiterhin die Kontrolle über das gesamte Geschehen zu haben. Ein Trugschluss letzten Endes, denn nach mehreren Gläsern Wein ist er, als die Prozesspause mit dem Eintreffen • Lichts und • Frau Brigitte endet, offenbar so angetrunken, dass er kurz vor deren Ankunft, "verwirrt" ob all der widersprüchlichen Aussagen und seiner gescheiterten Indizienkette gegen • Adam, aus freien Stücken zum siebten Mal zum Nachschenken des Weines auffordert:

WALTER verwirrt.
– Schenkt ein, Herr Richter Adam, seid so gut. / Schenkt gleich mir ein. Wir wollen eins noch trinken. (V 1655f.)

Bis es dahin kommt, lässt • Adam von seiner • Magd Margarete alles auftischen, was er anbieten kann (z. B. Wein, Käse und Gans) (V 1427f.) und später von seinen beiden • Mägden einen Tisch in der Gerichtsstube mit einer weißen Tischdecke aus feinem Damast (V 1450) festlich herrichten. Auf diese Weise wird die Gerichtsstube quasi umfunktioniert bzw. zu der Art von Raum, den sie bis zu Adams Aufräumaktion angesichts des bevorstehenden Eintreffens von • Walter gewesen ist (2. Auftritt, V 193ff.): der Lebensraum eines dem weltlichen Genuss zugeneigten Dorfrichters, in dem sich eine private Atmosphäre herstellen lässt.

Auch wenn es • Adam nicht gelingt, die Klageparteien in der Prozesspause aus der Gerichtsstube zu verweisen, will er die Gunst der Stunde nutzen. Aus der Tatsache, dass er dabei eine hektische Betriebsamkeit entfaltet und ein Mehrgespräch (vgl. Pfister 1977, S.197) mit seiner Magd, den Klageparteien und Walter gleichzeitig führt, entstehen zunächst • situations- und • sprachkomische Effekte.

Die sprachliche Gestaltung des • Blankverses mit Äußerungen Adams in einem Vers, die sich an unterschiedliche Adressaten richten, sowie die im jeweiligen Vers vorgenommen Sprecherwechsel (Antilabe) erhöhen nicht nur das Tempo der dramatischen Rede in diesen Textpassagen, sondern führen immer wieder zu Rückfragen der Angesprochenen. Zugleich macht sie auch die Nervosität Adams deutlich, der jetzt nichts unversucht lassen will, den Dingen vor der Aussage • Eves noch eine für ihn günstige Richtung zu geben. Am liebsten würde zwar • Eve am liebsten noch einmal unter vier Augen sprechen sprechen, wie er in kurzem monologischen Beiseitesprechen (a parte) kundtut ("Zwei Augenblicke mit der Dirn allein –", V 1445), um zu erkunden, was sie demnächst aussagen wird, und um den schon vorher aufgebauten Druck (7. Auftritt, V 509 - V 536; 9. Auftritt, V 1097 - V 1117) auf sie zu erhöhen, allerdings findet sich dafür jetzt unter den Augen von • Walter, der diese privaten Einlassungen des Dorfrichters mit den Klageparteien schon vor Prozessbeginn gerügt hatte (7. Auftritt, V 537) auch keine Gelegenheit mehr.

Immerhin gelingt es ihm, • Walter aber trotz dessen Einwände an den auf seine Anweisung hin festlich gedeckten Tisch zu bewegen und ihm alle jene Delikatessen, die er vor seiner Ankunft noch in die Registratur hatte bringen lassen (2. Auftritt, V 193ff.), zum Genuss und Verzehr anzubieten. Mit dieser Veränderung der äußeren Bedingungen der Kommunikation beim Imbiss ändert sich auch die Tonlage, mit der • Adam den Gerichtsrat anspricht. Erstmals spricht er ihn nicht mehr als seinen Vorgesetzten in dem bis dahin meist unterwürfigen Ton an, sondern adressiert seine Schmeichelei an die ihm nun gegenüber sitzende Privatperson, geht sogar soweit, ihn in die Nähe eines "Freundes" zu rücken.

"Das ist der Vorteil / Von uns verrufnen hagestolzen Leuten, / Daß wir, was andre knapp und kummervoll, / Mit Weib und Kindern täglich teilen müssen, / Mit einem Freunde zur gelegnen Stunde, / Vollauf genießen." (V 1451 - V 1456)

Walter reagiert darauf jedoch nicht, sondern kommt darauf zurück, was er schon zu Beginn der Prozesspause ansprechen wollte (V 1413). Er will von • Adam wissen, wie und wann er sich seine Kopfwunden zugezogen hat (V 1457). Die gleiche Frage hat er • Adam zwar schon einmal kurz vor Beginn des Prozesses gestellt (5. Auftritt, V 405), sich aber dabei mit einer kurzen Erklärung zufrieden gegeben. Jetzt aber, nach der Aussage • Ruprechts, der behauptet hat, den Flüchtenden aus • Eves Kammer zweimal mit der Klinke am Kopf getroffen zu haben (7. Auftritt, V 980), scheint • Walter doch zu dämmern, dass der Dorfrichter in die Sache verstrickt sein könnte.

Und auch die Sache mit der nicht vorhandenen Perücke Adams scheint ihm jetzt doch doch zumindest suspekt. Hatte er vor dem Prozess • Adams  Erklärung, dass dies einem unglücklichen Zufall geschuldet sei (5. Auftritt, V 373) hingenommen, will er jetzt doch genau wissen, was passiert ist. Wenig spricht dafür anzunehmen, dass • Walter zu dieser Stelle schon einen konkreten Verdacht gegen • Adam hegt, aber was dieser ihm zur Erklärung auftischt, zerstreut den Argwohn • Walters nicht.

Da der Schreiber • Licht, der von • Walter beauftragt worden war, • Frau Brigitte zu holen (9. Auftritt, V 1410), nicht zugegen ist, kann • Adam seinem Vorgesetzten eine ganz andere Version des Geschehens als die • "Katzengeschichte" (2. Auftritt, V 242ff.) präsentieren, die ihm schon sein Schreiber • Licht und seine • Mägde am frühen Morgen nicht abgenommen hatten. Die Version, die er • Walter auftischt, soll ihn bei allem Missgeschick, das ihm widerfahren ist, als dienstbeflissen beim Aktenstudium bis in den Abend hinein zeigen "(Ich sitz und lese gestern abend / Ein Aktenstück," V 1489 - V 1498) Die ganze Geschichte ist aber nicht weniger grotesk als die früher präsentierte Lüge für den Perückenverlust. Ob und inwieweit • Walter die Lüge durchschaut, lässt sich nur vermuten. Er bohrt jedenfalls nicht weiter nach und lässt sich, auch wenn er offenbar nicht beabsichtigt, ein Glas Wein nach dem anderen zu leeren, von • Adam, der einen Trinkspruch auslobt, doch zum zweiten Mal in kurzer Zeit das Glas füllen.

Was die weitere Aufklärung der Sache mit dem Krug angeht, gibt sich • WalterAdam gegenüber wenig optimistisch, geht aber davon aus, dass der Täter von Adam aber schon noch an seinen Wunden überführen werde. Trotzdem will er noch weitere Details klären, die mit dem Geschehen der Vornacht zusammenhängen. Von • Marthe Rull erfährt er, dass vor dem zwar nur weniger als einen halben Meter über dem Boden befindlichen Fenster Eves ein Weinstock an einem Spalier rankt, der mit einem Sprung aus dem Fenster nicht so leicht zu überwinden sei. Ruprecht teilt ihm, unterbrochen von • Adams  Bemühen, sich und dem Gerichtsrat immer wieder weiter Wein einzuschenken, und seinen Trinksprüchen, mit denen die Bedeutung und Ernsthaftigkeit von • Ruprechts Angaben zur Sache • situations- und • sprachkomisch konterkariert werden mit, dass er den Täter zweimal mit der Klinke auf dessen Flucht am Kopf getroffen habe. Die Tatsache, dass sich • Ruprecht auf die Frage • Walters hin, jetzt daran erinnert, den Flüchtenden zweimal am Kopf getroffen zu haben, ist ein neuer Aspekt, der in seiner früheren Aussage zum Tathergang (7. Auftritt, V 980) so nicht enthalten war, gibt • Walter einen weiteren Fingerzeig darauf, dass • Adam, dessen beide Wunden am Kopf er sich ja gerade hatte von diesem erklären lassen (V 1768), der Flüchtende gewesen ist.

Hinzukommt, dass • Marthe Rulls Beschreibung des als Hindernis schwer zu überwindenden Spaliers vor • Eves Kammerfenster und • Ruprechts Bericht, dass der Flüchtende noch einen Moment "in den Pfählen [...], am Spalier / Wo sich das Weinlaub aufrankt bis zum Dach" (7. Auftritt, V 976) hängen geblieben war, sowie der "zerkritzt(e)" und "zerkratzt(e)" (V 1776) Zustand • Adams eine kohärente Erzählung über diesen Teil der Ereignisse der Vornacht zulassen.

Alle Indizien, einschließlich der von • Walter schon früher monierten unzulässigen Zwiesprache • Adams mit • Eve vor Prozessbeginn (7. Auftritt, V 509) - V 537) und ihrer sonderbar nachsichtigen Behandlung während des Verfahrens (9. Auftritt, V 1243) sowie die ominöse Geschichte über den Perückenverlust (V 1489 - V 1498) deuten auf • Adam.

Deshalb will • Walter am Ende noch von ihm und • Marthe Rull wissen, wie sich ihre Beziehung zueinander gestaltet. (V 1558) Als • Marthe RullAdams Aussage, dass er nur selten im Haus der Witwe verkehre (V 1565), bestätigt (V 1568ff.) und dies sogar mit einer gewissen Enttäuschung kundtut, kommen • Walter Zweifel, ob sein Verdacht gegen • Adam berechtigt ist. Die Tatsache, dass Kleist den Gerichtsrat diese Zweifel in kurzem monologischen Beiseitesprechen (a parte) laut äußern lässt ("Hm! Sollt ich auch dem Manne wohl –" V 1581), verdeutlicht, wie wichtig es dem Autor ist, dass das Publikum bzw. die Leser*innen an dieser inneren Regung • Walters teilhaben können, um sich ein Bild über die Intentionen zu machen, mit denen dieser in der Prozesspause seine Fragen an die Prozessbeteiligten stellt. Zugleich lässt die Verwendung des • Gedankenstrichs, mit dem die • vollständige Ausführung des Gedankens abgebrochen wird, im Einzelnen offen, was ihn genau auf diesen Verdacht gegen Adam, dessen Namen von ihm in der kurzen Bemerkung nicht genannt wird, gebracht hat und wie er damit künftig umzugehen gedenkt. Ganz aufgeben will • Walter aber seinen Verdacht noch nicht und hakt noch einmal nach und gibt • Adam gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck, dass er trotz der Hilfe, die ihm • Eve eigenen Aussagen zufolge hin und wieder bei seinen erkrankten Hühnern leiste, der Dorfrichter • Marthe Rull keinen Dankesbesuch abgestattet habe. Statt • Adam antwortet • Marthe Rull und erzählt munter drauf los, von den Krankheiten der Perlhühner Adams und ihrer Behandlung, was zusätzlich zur "Verwirrheit" des inzwischen angetrunkenen Gerichtsrates beiträgt, der, wie oben erwähnt, den hellauf begeisterten • Adam daraufhin auffordert, sein Weinglas zum siebten Mal zu füllen (V 1655f.). Als • Walter dann noch • Marthe Rull zuprostet und ihr, auf die von ihr artikulierte Enttäuschung hin Hoffnung macht, dass • Adam sie sicher in absehbarer Zeit besuchen werde, hält die Witwe ihm entgegen, dass sie nichts besitze, was den Dorfrichter in ihr Haus locken könne. Damit entlastet sie unwillentlich • Adam so eindeutig, dass • Walter nur noch zu konstatieren bleibt, dass dies "um so viel besser" (V 1606) sei. Sein Versuch, eine schlüssige Indizienkette zum Beweis für seinen Verdacht gegen Adam zu schmieden, scheitert letzten Endes an den an • Adams tatsächlichen Absichten und Taten völlig vorbeigehenden Aussagen • Marthe Rulls.

Für • Adam ist die Prozesspause, die mit dem Erscheinen • Lichts und • Frau Brigittes endet, wenn nicht unbedingt nach Plan, so doch mit dem Ergebnis zu Ende gegangen, dass der ihm von • Adam entgegengebrachte Argwohn, was seine Verstrickung in die Krugsache anbelangt, zunächst einmal vom Tisch ist. Seine Absicht, die belastete Beziehung zu seinem Vorgesetzten zu verbessern, ist im Rahmen des gemeinsamen Imbisses, vor allem aber durch das gemeinsame Trinken einer beträchtlichen Menge Weines in gewissem Maße gelungen. Nicht zuletzt der anfangs zwar zögerliche, dann aber kräftige Weingenuss, dem • Walter zuspricht, scheint die kritische Vernunft des Gerichtsrates soweit herabgesetzt zu haben, dass • Adam von ihm in der Sache keine Gefahr mehr auf sich zukommen sieht. Mit seinem andauernden Nachschenken und seinen Trinksprüchen, die immer wieder • Walters Fragen unterbrechen, trägt er bewusst zu der Verwirrung seines Vorgesetzten bei.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

 

 
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