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Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793)
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Die Karlsschule
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Überblick
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Kurzer Abriss der Geschichte
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Die
Schüler der Karlsschule
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Erziehung und militärischer Drill
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Lehr- und Unterrichtspraxis
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Privatleben - Fehlanzeige
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Ständische Ungleichheit
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Umzug nach Stuttgart 1775
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Textauswahl
"Ungefähr ebenso
bedeutungsvoll wie ihr höfischer war für die Einrichtungen der Schule ihr
militärischer Charakter. der schon
in dem Namen "Militärakademie" und Militärisches Waisenhaus" und
"Militärische Pflanzschule" ausgesprochen war.

Die Ausbildung zum
militärischen Beruf war bald nach ihrer Gründung ein wesentlicher Zweck der
Schule geworden, am 11. März 1773 wurde erstmals eine "militärische
Abteilung" zusammengestellt; aber dieser Zweck war doch nur einer neben
verschiedenen andern, und in der üblichen Reihenfolge nahmen die Militärs
nicht den ersten, sondern bis 1782 den zweiten Platz, neben der juridischen,
von da an den dritten, nach der juridischen und medizinischen Fakultät, ein.
Dass trotzdem der Name für die ganze Anstalt bis 1782 beibehalten wurde,
sollte also bewusstermaßen System und Geist der Schule oder wenigstens ihrer
äußern Einrichtung kennzeichnen, und so ist denn auch von dem
Erziehungsprinzip der Kadetten- und Kriegsschule, nach dem Muster
französischer Schulen, die ganze Schul- und Hausordnung der Karlsschule
beherrscht. Sämtliche Zöglinge hatten Uniform zu
tragen, die dem Stil und Geschmack der Zeit entsprechend gestaltet war:
langer, vorn offener Rock und Weste aus stahlblauem Tuch mit versilberten
Knöpfen und schwarzen Vorstößen, weiße Beinkleider, im Sommer
weißbaumwollene Strümpfe und Schnallenschuhe, im Winter Stulpstiefel; vorn
und hinten aufgekrempter Hut mit silbernen Borten, und Degen; das Haar
frisiert mit einer gepuderten Papillote auf jeder Seite, die bei festlichen
Anlässen verdoppelt wurde, und Zopf; bei den Kavalierssöhnen als
Auszeichnung eine silberne Achselschnur. Indes wurde Hut und Degen nur bei
Feierlichkeiten und beim Ausgehen, die Uniform überhaupt im Hause nur bei
den Hauptmahlzeiten, in den Lektionen dagegen und bei der Arbeit der so
genannte Überrock getragen. Die Stadtstudierenden hatten die Uniform bei
festlichen Anlässen zu tragen, sonst war es ihnen erlaubt, aber nicht
geboten.
Auch die
Professoren hatten eine Uniform. die sie aber nur bei festlichen
Anlässen trugen: schwarzer Samt- oder Seidenrock mit weißem Futter, weiße,
goldgestickte Weste, schwarzseidene Beinkleider, weißseidene Strümpfe, Degen
und chapeau bas.
Die Hausordnung war die der Kaserne:
sommers 5, winters 6 Uhr Aufstehen (früheres
Aufstehen zur Arbeit war gestattet), dann Frühstück;
7-11 Uhr Unterricht und Arbeit, 11-12 Anzug
und Reinigung - "Propreté!" führte
Seeger beständig im Munde -; 12 Uhr Mittagessen,
dann Erholung; 2-6 Unterricht und Arbeit, 6-7 Erholung, 7 oder ½8
Abendessen, dann Erholung, spätestens 9 Uhr
Zubettgehen. Ferien gab es bis 1783 keine, von da
ab zu Ostern und im Herbst je eine Woche, Urlaub wurde nur in äußerst
seltenen Fällen , erst 1783 etwas milder erteilt. Bei jedem Wechsel in der
Beschäftigung wurde in der betreffenden Gruppe im Rangiersaal angetreten und
auf Kommando im Tritt an den betreffenden Platz, Lehrsaal, Speisesaal usw.
marschiert. Und während dieser ganzen Zeit, auch in den Schlafsälen, waren
die Zöglinge ununterbrochen beaufsichtigt durch ein besonders dafür
bestelltes, größtenteils
militärisches Aufsichtspersonal, das, unter dem Oberkommando des
Intendanten, zur Zeit der ausgebildeten Schule bestand aus 2
Stabsoffizieren, 6 Hauptleuten, 10 Leutnants und 15 weiteren Aufsehern, die
teils als Unteroffiziere von guter Führung, teils bürgerliche Leute,
teilweise auch
Unterlehrer, so genannte "Hofmeister" waren. [...] In jedem der großen
Schlafsäle hatten ein Offizier und zwei Aufseher
ihr Nachtlager, und auch die kleineren Schlafräume wurden entsprechend von
Offizieren und Aufsehern beaufsichtigt. Ebenso waren für die
Privatarbeitszeit in den einzelnen Hörsälen wie für die Zeit des Ankleidens,
des Essens und der Erholung beständig Offiziere und Aufseher zur Aufsicht
bestellt. [...] So kam durchschnittlich
auf etwa 9 Zöglinge ein
Aufsichtführender; nur für die Unterrichtsstunden wurden die Zöglinge
von diesen an den betreffenden Lehrer abgegeben, nach Beendigung der Stunde
aber sogleich wieder übernommen, so dass sie, was als Grundsatz
ausgesprochen wurde, keinen Augenblick allein gelassen waren.
Ausgänge der einzelnen in die
Stadt waren bis 1783 überhaupt nicht gestattet, von da ab am Sonntag
nach dem Mittagessen bis 3 Uhr, mit der Einschränkung, dass das Haus, in das
der Zögling gehen wollte, vorher angezeigt und genehmigt werden und der
betreffende Verwandte oder Lehrer den Zögling der Akademie abholen und
wieder dorthin bringen musste. Gemeinsame
Ausgänge, die teils als Spaziergänge,
besonders am Sonntagnachmittag, zuweilen auch werktags in den
Erholungsstunden, teils zu Lehrzwecken, besonders botanischen,
Geländeaufnahme u. a., von einzelnen Gruppen gemacht wurden, geschahen immer
unter Befehl und Aufsicht eines Offiziers. Auch die aus- und eingehende
Korrespondenz der Zöglinge unterlag
der Kenntnisnahme durch das Aufsichtspersonal, das etwaige Anstöße dem
Intendanten zu melden hatte, und es kam nicht ganz selten vor, dass Zöglinge
wegen missliebigen Inhalts von
Briefen, die ihnen zugegangen waren, scharf zur Rede gestellt wurden.
Besuche von Angehörigen, unter
ausdrücklichem
Ausschluss "des erwachsenen ledigen Frauenzimmers", wurden nur ganz
ausnahmsweise und in Gegenwart von Aufsehern zugelassen. Was etwa aus der
Stadt zu holen war, wurde durch das Dienstpersonal besorgt; Esswaren für
eigenes Geld durften nur in beschränktem Maße eingeführt werden. Die älteren
Zöglinge hatten dafür ein kleines Taschengeld, bei
den jüngeren musste alles einzeln von den Aufsehern erlaubt und verrechnet
werden. Und was die Lerntätigkeit betrifft, so waren nicht nur die
Unterrichtsstunden nach Zahl und Fächern
für jeden Zögling genau vorgeschrieben, sondern auch die
Privatarbeit, und zwar nicht nur nach ihrer Zeitdauer überhaupt, sondern
auch, wenigstens eine Reihe von Jahren hindurch bis 1782, welche Zeit auf
die einzelnen Fächer verwendet werden musste; und auch die bestellten
Aufseher hatten zu kontrollieren, dass nichts anderes getrieben wurde. Auch
wurden die Pulte und sonstigen Geräte der einzelnen von
Zeit zu Zeit durch Lehrer und Aufseher untersucht, und was sich etwa
Unerlaubtes fand, besonders Rauch- und
Schnupftabak, dessen Genuss verboten war, hauptsächlich aber auch
ungeeignet erscheinende Bücher, wie Romane, abgenommen und unter Umständen
Bestrafung veranlasst.
Es herrschte also grundsätzlich eine Einrichtung, die
das äußerste Maß an Unfreiheit
bedeutet, und die um so krasser ist, als sie sich nicht nur auf die Knaben-
und angehenden Jünglingsalter, sondern mit nur geringfügigen Erleichterungen
auch auf die in den akademischen Jahren und Studien stehenden Zöglinge
erstreckte. Es ist selbstverständlich, dass damit nicht jedermann
einverstanden war. Vor allem die Zöglinge selbst nicht, die, wenn sie
einigermaßen zum Selbstbewusstsein heranwuchsen, zumal wenn einer von Natur
selbständigen Geistes war, diese stete misstrauische Beaufsichtigung als
unerträgliche Tyrannei empfanden und nach erlangter Freiheit ihrem Unmut
teilweise stürmischen Ausdruck gaben; einige wenige haben auch, da Austritt
vor Abschluss des Studiengangs bei den unentgeltlich Aufgenommenen überhaupt
nicht, bei andern nur sehr ungnädig bewilligt wurde, durch die
Flucht, die als "Desertion"
bezeichnet wurde, sich entzogen. Nicht ganz selten kam es auch vor, dass die
Flucht, meist auf dem Weg
nächtlichen Aussteigens durchs Fenster, versucht, der Deserteur aber
bald wieder eingebracht wurde. Auch von
zärtlichen und wohlmeinenden
Eltern erfolgten zuweilen Vorstöße gegen die strenge Anstaltsordnung,
wurden aber jedes Mal schroff abgewiesen. Nicht anders erging es
Angriffen, die zuweilen in
der Presse erfolgten, aber auch Vorstellungen, die von der Lehrerschaft
zuweilen erhoben wurden in der Richtung auf größere Freiheit der
Beschäftigung und auf
mehr freie Zeit aus gesundheitlichen Gründen: der Herzog blieb, wie
glaubhaft angenommen wird unter dem Einfluss von
Seeger, unerbittlich; über diesen Grundsatz, der für ihn felsenfest
stand, ließ er nicht mit sich reden noch handeln.
Bei der Beurteilung dieser
Einrichtungen ist zunächst zu bemerken, dass
militärische Ordnung, wenn auch wohl
nicht ganz so streng durchgeführte, auch in den gleichzeitigen
Philantropinen zu Dessau und Marchlins und in der (nicht für
militärische Ausbildung bestimmten) Ecole militaire von Pfeffel in Kolmar
(1773) bestand und noch besteht. Hier aber, bei der großen Mannigfaltigkeit
der Ausbildungszweige und der Alters- und Gesellschaftsstufen, war sie in
ganz besonderem Maße eine Notwendigkeit, um das Ganze zusammenzuhalten. Auch
hätte ohne Abschließung nach außen
die reiche Fülle dessen, was im Unterricht den Zöglingen zugemutet wurde,
kaum bewältigt und verdaut werden können.
In Wirklichkeit war übrigens nach verschiedenen Anzeichen
die Sache nicht ganz so schlimm
wie die Vorschriften. Einmal genossen die
Stadtstudierenden , die von 1783 an in wachsender Zahl den Unterricht
besuchten, abgesehen vom Stundenbesuch und der allgemeinen disziplinarischen
Ordnung im Übrigen akademische Freiheit,
und dies konnte auch auf die Stellung der Akademisten nicht ohne Einwirkung
bleiben; es ist auch bezeugt, dass in dieser späteren Zeit der einzelne
Zögling, wenigstens von den älteren, in den Gegenständen seiner Studien
nicht beengt wurde, wenn er nur überhaupt studierte. Aber auch vorher schon
hatte sich die
Findigkeit der Jugend manche Schlupflöcher durch die engen Maschen
dieses Aufsichtsnetzes geschaffen; durch
allerlei
listige Täuschungen des Aufsichtspersonals gelang es, allerlei
Verbotenes, besonders Tabak und Esswaren einzuschmuggeln, oder auch z. B.
durch längeren Aufenthalt auf dem
Krankenzimmer, wo die Aufsicht weniger streng war, oder in den
Schlafsälen Gelegenheit zu Beschäftigung nach eigener Neigung zu finden,
auch wohl durch Aussteigen aus dem Fenster einen durch die Romantik des
Verbotenen besonders anziehenden Nachtausflug zu machen; namentlich wurde
auch die lange zum Schlafen bestimmte Zeit vielfach verstohlenerweise zum
Lesen benützt. Und auch schon in der früheren Zeit
scheint die Aufsicht darüber, ob die Arbeitszeit wirklich auf das dafür
Bestimmte verwendet werde, vielfach sehr lax gehandhabt worden zu sein, so
dass neben den unmittelbaren Unterrichtsgegenständen und statt ihrer
allerlei andere teils wissenschaftliche, teils sonstige
Lektüre, so besonders
von schöner Literatur, und namentlich auch
eigene Dichtung betrieben werden konnte. In den späteren Jahren hat auch
der Umstand mildernd gewirkt, dass ein Teil der Aufsichtsoffiziere selbst in
der Karlsschule ausgebildet und dadurch zur Milde gestimmt war.
Überhaupt kann man nach reichlichen Zeugnissen solcher, die selbst in der
Akademie gewesen waren oder Angehörige darin gehabt hatten, im Allgemeinen
durchaus nicht sagen, dass die Zöglinge sich ungern in ihr befunden
hätten Ein Grund dafür ist unter anderem, dass für
Unterkunft und Verpflegung der
Zöglinge, wenigstens nach den damaligen Begriffen, wirklich gut gesorgt war,
wie denn die Anstaltsleitung der
gesundheitlichen Seite alle Beachtung widmete;
Seeger hat einmal ausdrücklich gesagt: " Die Erziehung bei der Akademie
hat nicht bloß den Unterricht, sondern hauptsächlich auch die Erziehung des
Herzens und die Vorsorge für den Körper zum Gegenstand." In den
allgemeinen Schlafsälen, deren jeder
50 Betten enthielt, war der Raum durch Holzgitter so aufgeteilt, dass jeder
Zögling eine Art von kleinem Zimmerchen für sich hatte, das zugleich seinen
Aufenthaltsort außerhalb der Arbeitszeit bei ungünstigem Wetter bildete. Die
adeligen Zöglinge waren in besonderen
Schlafsälen, getrennt von den nichtadeligen, untergebracht, die
Chevaliers in kleineren Schlafsälen (später zwei
und drei) vereinigt, die dem einzelnen mehr Raum und besseres Mobiliar
boten. Im Übrigen wurde bei der
Einteilung
der Schlafsäle auch auf das Alter Rücksicht genommen, so dass die im
Alter sich Näherstehenden zusammen waren. Die Betten waren gut, und auf
Reinlichkeit und
Ordnung in jeder Beziehung, am Leib wie in Wäsche und Kleidung, wurde
mit allergrößtem Nachdruck gesehen. Die Kost, teilweise
Abtrag der herzoglichen Tafel, war einfach, kräftig, reichlich und gut -
wenigstens in Stuttgart, während
auf der Solitude darüber viel geklagt wurde
-; morgens Brotwassersuppe,
mittags Fleischbrühsuppe,
Rindfleisch, Gemüse, Ragout von Wildbret oder Braten oder Gebackenes oder
Obst, abends Suppe und eine Mehlspeise oder
Ragout, an heißen Tagen Salat mit Eiern oder saure Milch; außerdem
nachmittags eine Semmel oder Obst.
Zum Mittagessen bekamen die älteren Zöglinge ½ Schoppen,
die jüngeren etwas weniger Wein, abends alle Wasser. Die
Hörsäle, in denen die Wände grün, Katheder und
Subsellien* schwarz angestrichen waren, waren für die damaligen Begriffe
und die verhältnismäßig kleine Schülerzahl geräumig, hell und zweckmäßig
eingerichtet, jeder war mit einem Bild des Herzogs in Verbindung mit einer
symbolischen Darstellung der betreffenden Wissenschaft, später außerdem mit
Zeichnungen und Stichen, die aus der Schule selbst hervorgegangen waren,
geschmückt. Für Kranke war durch wohleingerichtete
Zimmer, einen Akademiearzt und Oberchirurgen,
einen ständig anwesenden Feldscherer und ausreichendes Wartepersonal
gesorgt, zu welchem in den späteren Jahren ältere Studierende der Medizin
kamen. Die Heilmittel freilich, die angewandt
wurden, und unter denen "Zieger" und "Selzer"
und "Deinacher Wasser" in großen Quantitäten
für allerlei Schäden den breitesten Raum einnahmen, geben eine nicht sehr
vorteilhafte Vorstellung von der dort herrschenden Therapie.
Gebadet wurde regelmäßig, im Sommer
auf der Solitude in einem dafür hergerichteten See im Wald, der freilich
schmutzig gewesen sein soll, in Stuttgart in den Bassins des
Akademiegartens, im Winter in festgeordneter Regelmäßigkeit in den
Badeeinrichtungen des Hauses.
Über Mangel an Bewegung wurde nicht selten
geklagt, und es blieb dafür nach der Tageseinteilung wenig Zeit; immerhin
boten die gemeinsamen Spaziergänge, ferner
Spiele: Ball- und Kegelspiele in
den weiten Höfen und dem Rangiersaal,
Schwimmen und Rudern in den Bassins und Aufenthalt in dem Akademiegarten
nebst
Beschäftigung mit der Bepflanzung des Landstückchens in dieser Beziehung
das Nötige, und es wird allgemein anerkannt, dass die
Zöglinge ein frisches und gesundes Aussehen gezeigt haben. Im Jahr
1783/84 wurden allerdings in der Akademie gegen 200
Personen von einer Seuche ("Gallenfieber")
ergriffen, an der 10 Zöglinge starben (während der ganzen Zeit der
Karlsschule starben 50 Zöglinge), aber diese herrschte auch in der Stadt und
wurde mit der größten Wahrscheinlichkeit auf den
Nesenbach zurückgeführt. Im Ganzen war es also nach dieser Seite nicht
unberechtigt, wenn der Herzog seine Anstalt gerne "das wahrhaftige
Philantropin"
nennen hörte.
(aus:
Hauber 1907/1909, S.17-21, gekürzt}
Worterklärungen:
-
Philanthropin: auch Philantropinum, Erziehungsanstalt, die nach
den Grundsätzen des Philanthropinismus agierte; dieser geht auf eine am
Ende des 18.Jahrhunderts einsetzende, von dem Pädagogen »Johann
Bernhard Basedow (1724-1790) begründete Erziehungsbewegung, die auf
eine natur- und vernunftgemäße Erziehung zielte. Dieses Ziel ließ sich
seiner Auffassung nach mit der herkömmlichen Lern- und Paukschule nicht
erreichen. Gefragt waren daher Lernen durch eigene Anschauung,
selbsttätiges Lernen ebenso wie Pflege der Muttersprache und lebender
Fremdsprachen. "Das Ziel der Erziehung ist eine solche Bildung des
Menschen, dass er nicht bloß für seine Mitmenschen möglichst nützlich
wirken, sondern auch für sich eine möglichst ungetrübte Glückseligkeit
erreichen kann. Hiezu ist möglichst allseitige Ausbildung nötig und zwar
sowohl des Leibes durch Turnen und Arbeitsunterricht auch für die
Knaben, als des Geistes durch Aufklärung des Verstandes und Anregung des
Gefühls. Das Lernen soll durch eine gute Methode möglichst leicht
gemacht und zu dem Zweck von der Anschauung ausgegangen, alles von
Anfang an begründet und erklärt werden; der Unterricht soll auch
vorherrschend auf das praktisch Nützliche gerichtet sein, gemeinnützige
Kenntnisse sollen gepflegt, praktische Fertigkeiten geübt werden.
Religiöse Bindung soll gepflegt werden, aber nicht im Sinn
konfessioneller Rechtgläubigkeit, auch ist auf das Auswendiglernen
möglichst zu beschränken; die Kinder sind auf dem Wege vernünftiger
Erklärung zum Verständnis der 'natürlichen Religion' anzuleiten; auch
ist auf moralische Erzählungen Gewicht zu legen. Auch die sittliche
Bildung ist vor allem auf verständnisvolle Einsicht in den Wert des
Guten und die üblen Folgen des Bösen zu begründen, statt auf bloße
Autorität; an Stelle der körperlichen Strafen muss namentlich die
Beschämung treten. Zur Bildung von Lehrern, welche nach diesen
Grundsätzen erziehen und unterrichten, sind Lehrerseminare zu gründen."
(Schmid
1909, S.133)
Außer dem Unterricht gehörte zu dem reformpädagogischen Konzept
Basedows, dessen Erziehungsbücher in seiner Zeit Bestseller waren, auch
ein enges Zusammenleben der Lehrer mit ihren Schülern und Zöglingen in
einem Internat, was die Charakterbildung der Zöglinge fördern sollte. In
Dessau kann Basedow ab 1771 unter »Leopold
III. von Anhalt mit dem »Philanthropinum,
einer "Pflanzschule der Menschheit" zusammen mit namhaften anderen
Reformern wie »Joachim
Heinrich Campe, »Ernst
Christian Trapp und »Christian
Gotthilf Salzmann seine Ideen bis zu seinem wegen Streitigkeiten
bedingten Rücktritt von der Leitung der Schule bis 1776 umsetzen. Das
Philantropinum, das 1793 wieder geschlossen wird, stellt wohl, wie
Jürgen Overhoff (2003) betont, die wirkungsmächtigste
Schulneugründung in Deutschland seit Errichtung des pietistischen
Pädagogiums der Franckeschen Stiftungen in Halle 1696 dar, zu deren
Besonderheiten auch gehört, dass sie Kindern aller Konfessionen offen
steht. Aller Popularität und Unterstützung durch den Hof zum Trotz
"quälen Basedow Geldsorgen. Vor allem fehlt es an solventen
Stipendiaten. Zwei Jahre nach der Gründung entschließt er sich deshalb,
mit einer Art Schauexamen für sein Institut zu werben. Pädagogisch
interessierte Geister aus dem ganzen Reich reisen an. Basedow prüft mit
großem Pomp. Insbesondere glänzt seine jüngste Tochter Emilie durch
erstaunliches Können – was umso bemerkenswerter ist, als das Institut
eigentlich, der Zeit entsprechend, eine reine Jungenschule ist. Sie, die
Sechsjährige, gibt auf lateinische Fragen der Gäste lateinische
Antworten. Ebenso gewandt parliert sie französisch, erläutert
Weltgeschichte und Geografie und erweist sich im Ganzen als bestes
Beispiel für das erzieherische Talent ihres Vaters. [...] Der Eindruck,
den diese Veranstaltung bei den zahlreichen Besuchern hinterlässt, ist
überwältigend. Der Schriftsteller Johann Gottlieb Schummel lässt gleich
einen begeisterten Bericht drucken – Fritzens Reise nach Dessau. Später
allerdings zeigt er sich, wie manch anderer auch, skeptischer angesichts
des philanthropischen Idealismus. Dazu mag auch die Persönlichkeit
Basedows selbst beigetragen haben: temperamentvoll, aufbrausend, reizbar
und überhaupt etwas zum Prophetischen neigend." So trifft Basedow und
seine Anstalt auch immer wieder Spott von Kritikern, doch scheinen ihm
seine Erfolge recht zu geben: "Lehrer und Lehramtskandidaten in Scharen
eilen herbei (1776 überlässt Basedow die Leitung für kurze Zeit Joachim
Heinrich Campe), die Schülerzahl steigt sprunghaft von 20 auf 60 auf 150
Jungen.
Goethe, der Basedow im Gründungsjahr des Instituts auf einer
gemeinsamen Rheinreise kennen gelernt hat,
bekundet im Herbst 1776 in einem Brief an
Charlotte von Stein, dass er beständig über die Entwicklung der
Schule auf dem Laufenden gehalten werden möchte.
Moses Mendelssohn leistet dem
Philanthropinum ideelle und finanzielle Unterstützung. In Königsberg
sammelt
Immanuel Kant Spenden und schickt ostpreußische Schüler nach Dessau.
Für ihn ist Basedows Institut 'die
Stammutter aller guten Schulen'. Tatsächlich gibt es nicht nur bald
Ableger wie die berühmte Schule, die Basedows Mitarbeiter
Christian Gotthilf Salzmann
1784 in Schnepfenthal bei
Waltershausen in Thüringen gründet und die, in gewandelter Form, bis
heute existiert. Es werden auch, schon von Mitte der 1770er Jahre an,
die ersten öffentlichen Stadtschulen Deutschlands im Basedowschen Sinne
reformiert, zunächst – von Preußens Friedrich II. persönlich gefördert –
Neuruppin, dann Lippstadt;
andere folgen." (ebd.)
Die Wirkung des Philanthropinismus Basedows reicht bis weit ins 19.
Jahrhundert, nimmt Einfluss in Deutschland, Frankreich, in der Schweiz
und in Dänemark. Allerdings wird er später "als plattes
Nützlichkeitsdenken diskreditiert" und unter dem Einfluss des
Neuhumanismus wird "Bildung" fortan "gegen das von Basedow angeblich
ausschließlich verfochtene Prinzip der 'Brauchbarkeit' ausgespielt." (ebd.)
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Subsellium: niedrige Bank, Schulbank
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Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793)
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Die Karlsschule
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Kurzer Abriss der Geschichte
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Die
Schüler der Karlsschule
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Erziehung und militärischer Drill
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Lehr- und Unterrichtspraxis
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Privatleben - Fehlanzeige
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Umzug nach Stuttgart 1775
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Textauswahl
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
10.09.2023
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