Als •
Licht mit • Frau Brigitte in
der Gerichtsstube eintrifft, lässt •
Walter den Tisch, an dem er zuvor mit •
Adam den Imbiss zu sich genommen
und den Wein getrunken hat, von den • Mägden
abräumen und stellt damit auch räumlich wieder das
Setting des
laufenden Prozesses wieder her.
Adam, der von der von •
Marthe Rull inhaltlich ja schon
zum Teil vorweggenommen Aussage von • Frau Brigitte
keine Gefahr erwartet, ist sichtlich guter Dinge darüber, dass •
Walters Befragungen in der Prozesspause und dabei vor allem die
Antworten • Marthe Rulls keinen
weiteren Verdacht auf ihn gelenkt haben. Auch der gemeinsame Imbiss
mit •
Walter und dessen Bereitschaft, mit ihm gemeinsam eine größere
Menge Wein zu trinken, gibt ihm offenbar das Gefühl, heil und
unbeschadet aus der ganzen Sache herauszukommen. Daher spricht er •
Eve trotz der früheren Ermahnungen
seines Vorgesetzten noch einmal direkt an und kündigt seinen Besuch
zum Abendessen bei ihr und ihrer Mutter •
Marthe Rull an, wenn •
Eve seinen erkrankten Perlhühnern
hilft. (V 1610)
Damit will es •
Adam, so
wie er es sich vorgenommen hat,
vor allem •
Walter •
recht machen, der auf die Klage •
Marthe Rulls, • Adam habe sich
nicht einmal nach • Eves Sorge um
die erkrankten Hühner in ihrem Haus sehen lassen, um sich zu
bedanken, erklärt hatte, dass • Adam
dies gewiss in nächster Zeit nachholen werde.(10.
Auftritt, V 1599)
Zugleich will er • Marthe Rull bei
Laune halten, die ihn ja mit ihrer Aussage, dass es es in ihrem
Hause nichts gebe, was ihn locken könne, in den Augen •
Walters vorläufig entlastet hat (10.
Auftritt, V 1604f.).
Wer indessen zwischen den Zeilen liest, kann in der Ansprache •
Adams an •
Eve auch eine erneute
verklausulierte Warnung und Drohung sehen, die mit der Pille,
die durch die Gurgel muss und dem drohenden Tod, wenn dies nicht
gelingt, noch einmal auf die Folgen verweist, wenn sich •
Eve dazu durchringen sollte, die
Wahrheit zu sagen.
Die Lage ändert
sich für •
Adam dramatisch, als • Frau Brigitte
mit einer von ihr gefundenen Perücke vor Gericht erscheint. Der
Schreiber • Licht, der die näheren
Umstände, die mit dem Fund zusammenhängen schon kennt, weiß auch,
dass sie •
Adam gehört und möchte, dass
dieser die Zeugin befragen und sich damit vor aller Öffentlichkeit
selbst entlarvt. Doch •
Walter, dem spätestens nach •
Lichts Aussage, • Frau Brigitte
habe die Perücke in den Ranken des Weinstocks unterhalb von • Eves
Kammer gefunden (V
1625ff.), klar ist, dass seine am Ende der Prozesspause gerade
noch angezweifelten Verdachtsmomente gegen •
Adam zutreffen, will diese
öffentliche Demaskierung • Adams als Lügner und, wenn es zur
Unzucht mit • Eve gekommen sein
sollte, als Straftäter verhindern, da sie nicht nur •
Adam als Person treffen, sondern
auch sein Amt, das Gerichtswesen und letztlich die Autorität der
staatlichen Institutionen beschädigen würde. Daher bietet er •
Adam, ohne dass die anderen es
hören können an, wenigstens ihm die Wahrheit zu sagen.
"WALTER heimlich.
Herr Richter Adam,
Habt Ihr mir etwas zu vertraun,
So bitt ich, um die Ehre des Gerichtes,
Ihr seid so gut, und sagt mir's an." (V
1629)
Auch wenn •
Walter nicht ausführt, wie er sich den weiteren Verlauf des
Prozesses nach einem Eingeständnis •
Adams vorstellt, steht damit doch
im Raum, dass auch er bereit wäre, im Interesse der Staatsräson, die
Angelegenheit herunterzuspielen, wenn nicht zu vertuschen.
Doch •
Adam schlägt das Angebot in den
Wind und hofft in seiner herkömmlichen Manier mit einer weiteren
Lüge davonzukommen. Er identifiziert die gefundene Perücke als seine
Ersatzperücke handle, die •
Ruprecht schon vor Wochenfrist zum Perückenmacher nach
Utrecht habe bringen sollen. Unausgesprochen steht damit im
Raum, dass •
Ruprecht den Auftrag nicht erfüllt, die Perücke stattdessen
behalten, in der Vornacht selbst getragen oder, um absichtlich eine
falsche Fährte zu legen, im Spalier deponiert habe. Damit stützt er
weiterhin die Aussage • Marthe Rulls
und das von dieser bisher über die Beobachtungen •
Frau Brigittes in ihrem Garten in
der Vornacht Berichtete (9.
Auftritt, V 1322
- V 1339).
Offensichtlich glaubt er damit, von weiterem Verdacht auf sich
ablenken und den weiter bestehenden Verdacht gegen •
Ruprecht erhärten zu können. Doch •
Ruprecht erklärt den Auftrag
ausgeführt zu haben.
Frau Brigitte
springt ihm mit ihrer nun ins Detail gehenden Aussage über ihre
Beobachtungen in der vergangenen Nacht bei. Sie zeigt sich dabei
fest davon überzeugt, dass es sich bei dem ominösen Besucher • Eves
nicht um •
Ruprecht gehandelt habe (11.Auftritt,
V 1665f.), auch wenn sie das anfangs selbst geglaubt hat.
Sie sei, so sagt sie aus, in der
Nacht auf dem Hinweg zu ihrer im Kindbett liegenden Tante an •
Marthe Rulls Garten
vorbeigekommen. Dort habe sie gehört, wie •
Eve ganz hinten im Garten sehr aufgeregt, jemanden gescholten,
ihn zurückgewiesen und mit ihrer Mutter gedroht habe. Sie habe sich
deshalb, • Eves Stimme hat sie
offenbar erkannt, bei dieser erkundigt, was
denn da los sei. Ihre Frage, ob •
Ruprecht bei ihr sei, habe •
Eve bejaht, so dass sie angenommen hat, dass es sich um ein
übliches Zanken eines Liebespaares gehandelt habe (11.Auftritt,
V 1679).
Doch das, was sie
auf ihrem Heimweg beim Vorüberkommen an gleicher Stelle erlebt hat,
hat sie offenbar eines Besseren belehrt. Es lässt sie jedenfalls
vermuten, dass •
Ruprecht, auch wenn • Eve
anderes behauptet habt, um sie zu beschwichtigen, nicht der ominöse
nächtliche Besucher gewesen sei. (V
1665)
Auf dem Rückweg sei
sie gegen Mitternacht wieder an Marthes Garten vorbeigekommen und
dort sei ein "Kerl [...] kahlköpfig, / Mit einem Pferdefuß" (V
1685) an ihr vorbeigehuscht und habe hinter sich einen "Dampf
von Pech und Haar und Schwefel" (V
1687) verbreitetet, während sein Glatze "wie faules Holz, den
Lindengang" (V 1690)
erleuchtet habe. Auch wenn sie ihn beim Namen nicht zu nennen wagt:
Für •
Frau Brigitte
glaubt in ihrer Naivität und ihrem Aberglauben fest daran, dass
es sich dabei um den Teufel gehandelt haben muss.
Damit kommt eine
ganz neue Perspektive zu den bisher in den Äußerungen der Figuren
dargestellten Sichtweisen auf die Vornacht hinzu.
Die Erzählung, auf die sich gründet, ist letzten
Endes irrational und will die Wahrheit nicht in der objektiven
Realität, im Prozess durch Rekonstruktion des Geschehens und des
Abwägens unterschiedlicher Wahrnehmungen, Interessen und
Indizien finden, sondern in einer transzendentalen, vom Aberglauben
geprägten Meistererzählung über das Wirken des Teufels auf der Erde.
Dementsprechend entschieden wird diese Deutung zunächst auch von •
Walter mit der Bemerkung: "Blödsinnig Volk, das!" (V
1700) als irrelevant zurückgewiesen.
Frau Brigitte
erklärt daraufhin, dass sie am Vormittag, nachdem sie von der
Sache mit dem zertrümmerten Krug erfahren habe, noch einmal zu der
Stelle gegangen sei, an der sie die Perücke im Spalier gefunden
habe. Von dort hätten Spuren im Schnee, "rechts fein und scharf und nett gekantet immer,
/
Ein ordentlicher Menschenfuß, /
Und links unförmig grobhin eingetölpelt / Ein ungeheurer klotz'ger Pferdefuß",
V 1716) weggeführt.
Die Art und Weise,
wie •
Frau Brigitte
wenig später den Verlauf der Fußspur entlang bestimmter
Stationen schildert, ist voll Symbolkraft: "Vom Lindengange, ja, /
Aufs Schulzenfeld, den Karpfenteich entlang,
/
Den Steg, quer übern Gottesacker dann,
/ Hier,
sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam."(V
1779 - V 1782)
Er führt "vom
Lindengang (die Linde ist der den Germanen heilige Liebesbaum, der
auch das Leben selbst bedeutet), über das Schulzenfeld, das
öffentliche Weideland, zum Karpfenteich (der Karpfen war seiner
Fruchtbarkeit wegen in der Antike der Liebesgöttin geweiht), von
dort über den Friedhof zum Hintereingang des Dorfrichter-Hauses. Von
den Liebes-, Lebens- und Fruchtbarkeitsstätten geht der Weg über den
euphemistisch-christlich »Gottesacker« benannten Totenort ins
Gerichtshaus, dem damit Züge der Unterwelt zugeschrieben sind,
während umgekehrt das Haus, in dem Eve wohnt, mit Lindengang und
Weinspalier eine dionysische Stätte der Liebes- und Lebenslust
repräsentiert." (Pickerodt 2004,
S.118)
Mit dem Einwurf •
Adams, dass sich •
Ruprecht unter Umständen als Teufel verkleidet habe (V
1728), dringt •
Adam allerdings nicht recht durch,
zumal • Frau Brigitte
eisern an ihrer Version vom leibhaftigen Teufel festhält und
jeden Versuch, des Krugzertrümmerers habhaft zu werden, für
aussichtslos erklärt. (V
1735)
Als •
Walter der Sache mit dem angeblichen Pferdefuß nachgehen will
und von • Licht, der die Spuren,
ganz wie von •
Walter aufgetragen (9.
Auftritt, V 1410),
selbst in Augenschein genommen hat, bestätigt bekommt, dass es
tatsächlich Spuren eines auffälligen, einem Pferdefuß vergleichbaren
menschlichen Fußes im Schnee gebe (V
1740f.), steht •
Adam kurz vor seiner endgültigen
Entlarvung.
Daher geht er noch einmal in die Offensive und geht mit
einer neuen Idee für den weiteren Prozess dazwischen. Indem er • Frau Brigittes
Teufelsdeutung aufgreift, will er die "Deutungshoheit über die Spur"
(Pickerodt 2004,
S.117), die ja seine Spur ist, und die damit die Kontrolle über den
weiteren Prozessverlauf erringen.
Die Sache mit
dem Teufel, wie von • Frau Brigitte
sehr zum Ärger •
Walters immer wieder neu belebt, ist für ihn nicht vom Tisch,
zumal es noch nie jemandem, nicht einmal einem Atheisten, wirklich
gelungen sei, das Wirken des Teufels "wegzubeweisen" (V
1745f.) Angesichts des ernsthaften Verdachts, dass der Teufel im
Spiel sei, sei es daher besser, erst einmal bei der kirchlichen
Synode in Utrecht zu klären, ob sein Dorfgericht in dieser Sache
überhaupt zuständig sei (V
1748 - V 1752).
So abstrus dieser
Verfahrenstrick •
Adams erscheint, mit der er den
Gerichtstag überstehen will, ist er in der Zeit, in der die Handlung
spielt, nicht von der Hand zu weisen. In einem Land, indem die
katholische
• spanische Inquisition seit den Zeiten •
Karls V. (1515-1556) und der
•
verschärften Repressionspolitik unter seinem Sohn und Nachfolger
Philipp II. ) geb. 1527,1556-1598)
tiefe und blutige Spuren hinterlassen hat und nach der Befreiung von
den Spaniern die Katholiken und Protestanten von der »calvinistischen
Regierung aller praktischen •
Multikonfessionalität zum Trotz, die das Land nach 1630
auszeichnete, noch immer unter Druck standen, sind Teufeleien und
das vermeintliche Wirken des Satans immer noch Themen, die
staatliche Behörden auf den Plan rufen können. Allerdings sind im
Gegensatz zu zu vielen anderen europäischen Staaten, in denen Hexen-
und Teufelsprozesse bis ins 18. Jahrhundert andauerten, in der
niederländischen Republik schon in den ersten Jahrzehnten des 17.
Jahrhunderts keine Todesurteile mehr in solchen Prozessen
vollstreckt worden. Gemeinhin wird dieser niederländische
Sonderweg auf den Einfluss des starken bürgerlichen Rechtssystems
und der aufkommenden rationalistischen Ideen in der jungen Republik
zurückgeführt.
Ob und inwieweit •
Adam mit seinem Vorschlag also
tatsächlich ein offenes Gehör bei der Utrechter Kirchenversammlung
hätte finden können, steht dahin. Walter lässt sich jedenfalls in keiner Weise darauf ein, sondern
versucht weiterhin, den endgültigen Beweis für •
Adams Anwesenheit bei •
Eve zu finden.
Zuvor aber erzählt
• Frau Brigitte noch von einer
Bebachtung entlang der von ihr verfolgten Spur im Schnee, die nicht
nur ihre eigene Version vom Schwefeldampf, den der Teufel angeblich
hinter sich verbreitet habe, lächerlich macht, sondern auch •
Adam. Das "Denkmal", das sie im
Lindengang an einem Baum entdeckt hat, ist nämlich nichts anderes
als die Exkremente der Notdurft, die • Adam,
geplagt von seinen Darmproblemen, auf seiner Flucht hinterlassen
hat, wie dessen hingeworfene Bemerkung "Verflucht mein Unterleib.",
V 1774) verdeutlicht.
Die Intervention • Lichts
verhindert, dass • Frau Brigitte
in ihrem Erzähleifer die unappetitliche "Denkmalgeschichte"
weiter ausführt. Dem Publikum und den Leser*innen hat sie aber sehr
drastisch einen weiteren Einblick in die physio-psychische
Verfassung • Adams nach der
Flucht aus •
Eves Kammer gegeben: "Der Unterleib hat sich in der Nacht
der Kontrolle des Bewusstseins entzogen, ist eigenmächtig geworden
wie andern Tags der linke Fuß, der sich
nicht mehr verbergen lassen will, gegen das Bewusstsein und den
Willen Adams." (Pickerodt 2004,
S.117f.)
Da •
Licht die Aussage von •
Frau Brigitte bestätigt, dass der linke
Fußabdruck im Schnee besonders auffällig sei, (11.
Auftritt, V 1718f.)
genau darauf ankommt, will •
Walter, der inzwischen davon
überzeugt ist, dass •
Adam für die Spuren verantwortlich ist, der Sache möglichst unauffällig
auf den Grund gehen.
Sicher ist Gehbehinderung •
Adams durch den • "Klumpfuß" (1.
Auftritt, V 25) – •
Ruprecht wird später vom • "Blitz-Hinketeufel" (11.
Auftritt, V
1901) Adam sprechen – auch •
Walter nicht entgangen. Nur weiß er, als ihm klar wird, dass
dies ein entscheidender Beweis ist, nicht mehr, ob für das Hinken
der linke oder der rechte Fuß Adams verantwortlich ist, wie er in kurzem
monologischen Beiseitesprechen (a parte) (V
1801) kundtut. Gut möglich, dass er daher den Dorfrichter, der
hinter einem Tisch sitzt, mit einer Finte dazu bewegen will,
ein paar Schritte zu gehen. Doch •
Adam steht nicht auf, um ihm die
erbetene Schnupftabakdose zu bringen, sondern lässt dies seinen
Schreiber • Licht
tun (V 1802 -
V 1806).
Um aber Gewissheit über den
Urheber der markanten Fußspur zu bekommen, fragt •
Walter dann nach, ob es in Huisum irgendjemanden gebe, der
missgebildete Füße habe. Als • Licht dies bejaht und auf •
Adam verweist, zieht dieser, wie •
Marthe Rull bemerkt (•
implizite Bühnenanweisung), seine beiden
Füße so "verstört" unter den Tisch, dass sie fast glaubt, die Spuren
im Schnee seien die seinen. (V
1816ff.)
Als •
Adam daraufhin seinen linken
missgestalteten Fuß zeigt und dies mit der provokativen Frage
verbindet, ob er der Teufel und dieser Fuß ein Pferdefuß sei (V
1820), befindet •
Walter diesen kurzerhand für "gut"
(V 1821), fordert aber •
Adam im Verlauf des weiteren
Geschehens vier Mal mit eindringlichen Worten auf, den Prozess
schnell zu beenden. (V 1822,
V 1842,
V 1865)
Walters "Der Fuß ist gut" (V 1821)
kann dabei zweierlei bedeuten. Es könnte die Feststellung sein, dass
der von Adam vorgezeigte Fuß gar nicht missgebildet ist. In diesem
Fall könnte sich die Aussage in die Strategie •
Walters fügen, trotz des von ihm
gegen Adam gehegten Verdachts, die Bloßstellung des Gerichts als
solches abzuwenden. Dazu passt auch sein immer entschiedeneres
Drängen gegenüber •
Adam, den Prozess zu beenden. Aus
diesem Grunde adressiert • Walter
seine erste Anweisung, den Prozess jetzt sogleich zu beenden auch
• "heimlich" an den Dorfrichter (V
1822). Möglich wäre aber auch eine Bedeutungsdimension, die •
Adam damit als überführt ansieht
(die Formulierung erinnert dann etwa an umgangssprachliche Wendungen
wie "gut ist"), zugleich aber auf weitere Einlassungen über die näheren
Umstände verzichtet.
Adam scheint jedoch zunächst, in
völliger Verkennung der Situation, in der er sich befindet, den
(vermeintlichen) Erfolg bei der Suche nach dem Pferde- bzw.
Teufelsfuß auskosten zu wollen und setzt noch obendrauf • "Ein Fuß, wenn den der Teufel hätt, /
So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen". (V
1823f.)
Während in der
älteren Forschung immer wieder unterstellt wurde, dass Kleist selbst
ein Fehler bei der seiner Textedition unterlaufen sei, wenn er Adam
an dieser Stelle den missgestalten linken statt des gesunden rechten
Fußes zeigen lasse, geht man in der neueren Forschung von der
Textvorgabe aus und versucht, die zugegebenermaßen komplexere
Bedeutung zu konstruieren. So hat z. B. Helmut Sembdner (1993) die
These aufgestellt, •
Adam könne an dieser Stelle
einfach "zum Trotz den Klumpfuß" vorgezeigt haben. (zit. n.
Pickerodt 2004, S.110)
Gerhart
Pickerodt (2004, S.109-122) geht davon hingegen davon aus, dass
•
Adam in einer Art "Zwangshandlung"
genau den Fuß zeigt, an dem man ihn erkennt. Es sei "eine Art
Bekenntnis, ein Eingeständnis wider Willen und Bewusstsein,
motiviert durch die Tatsache, dass Adam die Rollenspaltung zwischen
Richter und Täter nicht mehr zu ertragen imstande ist." (ebd.,
S.111) Der Dorfrichter handele
dabei ohne Bewusstsein von dem, was er tue, gegen seine eigenen
Vertuschungsstrategien, die ihn während der vorangegangenen Handlung
motiviert und sein Handeln bestimmt hätten. Die Konsequenz: "Sein Unbewusstes, die Zwangshandlung, die es auslöst, verrät Adam
als Missetäter, als Krugzertrümmerer der vorangegangenen Nacht." (ebd.,
S.109) Seine verbale Reaktion auf die Aufforderung •
Walters lese sich
dabei als Abwehr und Eingeständnis zugleich, mit denen er sich "um
Anerkennung seines ›Falles‹ als eines spezifischer menschlicher
Fehlerhaftigkeit und moralischer ›Missbildung‹" bemüht, "um
Anerkennung menschlicher Schwäche also." (ebd.,
S.112)
Als •
Frau Brigitte dann aber noch
einmal auf die von ihr gefundene Perücke zu sprechen kommt, die in
ihre Teufelserzählung einfach nicht passt, und damit Zweifel an der
Schlüssigkeit ihrer eigenen Version der Geschichte artikuliert, ist es
• Adam selbst, der jetzt alles auf diese
Version setzt und diese Zweifel zerstreuen will. Seine
Schlussfolgerung • "Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir
ernsthaft" (V 1742)
gehört dabei zu den "zahlreichen Sätze(n) der Komödie, die sich als
metapoetischer Kommentar lesen lassen", da Kleist hier durch
die Stimme des sündigen Richters spreche und betone, dass bei der
›ernsthaften Sache‹ um nichts weniger als "das Wissen über die
Wahrheit auf dem Spiel steht." (Alt
2008/2009, S.75)
Doch •
Walter hat endgültig genug gehört
und fordert ihn zum dritten Mal den Prozess zu beenden, wenn er
nicht vor aller Augen von seinem Richterstuhl weggejagt werden
wolle. (V 1822,
V 1836,
V 1839ff.) Als • Adam aber noch immer
nicht versteht, was ihm die Stunde geschlagen hat und bestreitet,
dass er • "gestern, /
im Weinstock die Perücke eingebüßt" habe, erntet
er nur noch hämischen Spott von •
Walter und • Licht, die ihn an
seine lächerlichen Ausreden zum Perückenverlust erinnern.
Noch
einmal hebt • Adam zu seiner
Verteidigung an und verlangt, ihn ohne entsprechende Aussage • Eves
nicht für schuldig zu erklären, zumal die von •
Frau Brigitte mitgebrachte Perücke
nicht die seine sei und er jeden, der dies behaupte, vor dem
Oberlandgericht in Utrecht verklagen werde. (V
1850 - V 1858)
Doch auch diese Drohung nützt ihm nichts, weil ihm •
Licht, der sich seiner Sache ganz
sicher ist und Adam jetzt offen die •
früher versicherte Loyalität
aufkündigt (1.Auftritt), einfach die Perücke aufsetzt (V
1859). Sie passt •
Adam genau, auch wenn er dies mit einer lächerlichen
Bemerkung und seinem mimisch-gestischen Spiel vor dem Spiegel
vehement bestreitet.
Für alle Anwesenden
– •
Ruprecht und •
Marthe Rull fällt es jetzt auch
wie Schuppen von den Augen – ist damit klar, wer der Täter ist. Um so
mehr ein Anlass für •
Walter, der weiteren Schaden vom Gericht abwenden will, •
Adam ein viertes Mal aufzufordern,
den Prozess zu beenden, wenn er nicht wolle, dass •
Walter dies für ihn übernehme ((V
1822, V 1836,
V 1839ff.,
V 1865)
Allerdings ist • Ruprecht, der
jetzt weiß, warum • Adam ihn lange
der Tat bezichtigt hat, so entrüstet, dass er jetzt endgültig auch
von • Eve die ganze Wahrheit
wissen will. Sie soll bestätigen,
dass • Adam derjenige ist, der
tags zuvor in • Eves Kammer
gewesen und bei seinem Eintreffen geflüchtet sei.
Nicht nur die
Tatsache, dass sich • Ruprecht
damit die Rolle des ermittelnden Richters in dem noch laufenden
Prozess anmaßt, erzürnt • Walter,
sondern vor allem, dass damit seine Absicht, Schaden vom Gericht,
dem Gerichtswesen und den staatlichen Institutionen, für die er ja
auch einsteht, abzuwenden, durchkreuzt würde. Daher herrscht er •
Ruprecht in einem harschen Ton an
(V 1867) und sogar •
Veit Tümpel geht diese Anmaßung
seines Sohnes zu weit. (V
1868)
Als • Adam und •
Ruprecht fast handgreiflich
aneinander geraten, ruft • Walter
den • Büttel zur Hilfe. Ehe die
Lage weiter eskaliert, will • Adam
den Prozess mit Zustimmung • Walters
beenden. Dazu erklärt er •
Ruprecht (in der Krugsache) unter dem Beifall •
Walters zum Täter und verurteilt
ihn wegen Missachtung des Gerichts dazu, den Hals in Eisen gelegt zu
bekommen und zu einer Gefängnisstrafe. (V
1874 - V 1880)
Ruprecht und •
Eve erschrecken über dieses
Urteil, sollen aber von • Walter,
der weiß, wie haltlos dieses Urteil ist, damit beruhigt werden, dass
sie das Urteil später bei der übergeordneten Gerichtsinstanz
anfechten können. (V
1885ff.)
Dies wiederum empört •
Eve so sehr, dass sie endlich
erklärt, dass • Adam der Täter
ist. (V 1890f.) Angespornt von • Eve, •
Adam von seinem Richterstuhl zu
werfen, will • Ruprecht dem
Dorfrichter Gewalt antun. Ein
Aufruf "zum Umsturz der
Machtverhältnisse" (Jürgens
32015, S.134) ist dies jedoch nicht. Auch wenn die
Autorität des Gerichts in dieser Situation "massiv gestört"(ebd.)
ist, ist sie aber, entgegen der Ansicht von Jürgens, nicht
aufgehoben, sondern bleibt, wenn auch angeschlagen, in der Person
des Gerichtsrats präsent.
Allerdings schlägt die • Perücke als Motiv an dieser Stelle auch
wieder eine Brücke zu der immer wieder im Prozess thematisierte
Teufelserzählung. Dass sie •
Adam genau ins Konzept passt, der zuvor selbst gesagt
hat, der Teufel bediene sich womöglich einer Perücke, • "um sich den
Honoratioren beizumischen" (V 1837f.) und
• Ruprechts fragend-verdutzter
Einwurf, ob etwa •
"der Teufel [..] in dem Gerichtshof" wohne (V
1784f.) färbt die Szene nicht nur entsprechend ein, sondern verleiht
ihr "auf einer höheren Verständnisebene einen neuen Sinn: Das
Gericht bzw. die Würdenträger der Gesellschaft sind des Teufels.
Nicht nur Adam, auch an Licht und Walter wird dies bestätigt."(ebd.)
Adam kann gerade noch aus der
Gerichtsstube fliehen, als ihn • Ruprecht an seinem Mantel packt. Er
kann jedoch noch aus dem Mantel schlüpfen und sich davonmachen.
Walter ist damit die Kontrolle
über die Situation entglitten. Darüber ist er so frustriert, dass er
• Ruprecht am Ende sogar selbst
noch mit dem Eisen droht. (V
1905)
Adam ist überführt und hat Hals
über Kopf die Flucht angetreten. Vom Fenster aus, von dem ihn die
anderen sehen können, sieht es aus, als ob •
Adams Rücken von seiner eigenen
Perücke gepeitscht (V
1959) werde. Das Symbol seiner Amtswürde wird dadurch zu einer
Art Strafinstrument, das sich "gegenüber der Physis des Amtsträgers
(verselbständigt), (...) sich von dieser ab(löst) und (...) in einem
hochsymbolischen Akt auf ihn ein(schlägt), als besäße sie eigene
Kraft." (Pickerodt 2004,
S.115)
Noch aber ist ungeklärt, wie es ihm
gelungen ist, sich Zugang zu • Eves
Kammer zu verschaffen und was sich dort ereignet hat.
Allerdings "(erfolgt), wie
Alt (2008/2009, S.75) betont, "der Sieg der in Licht und
Walter repräsentierten analytischen Vernunft (...) nur über Umwege,
keinesfalls als großer Triumph der Aufklärung, sondern durchmischt
mit unlauteren Motiven wie Eigennutz und Ehrgeiz." Angesichts der
Zwielichtigkeit der Akteure und ihrer nicht weniger zwielichtigen
Ziele lasse sich Kleists Komödie auch nicht "als Kampf der Wahrheit
gegen das Böse"(ebd.)
bezeichnen. Zudem spreche die Tatsache dagegen, dass der Weg zur
Entlarvung Adams auch zu verworren und von zu vielen Zufällen
abhängig, als dass in diesem Zusammenhang von einem Triumph
gesprochen werden könne. "Die aus der Façon geratene Form der
Gerichtsverhandlung bildet", so
Alt (2008/2009, S.75) weiter, "letzthin nur den
Spiegel für die Verwerfungen und Beben im Gefüge der Wahrheit,
die Kleists Komödie wie ein Seismograph anzeigt."