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Aspekte der Szenenanalyse

Aspekte der Analyse und Interpretation

Heinrich von Kleist Der zerbrochne KrugHandlungsverlaufEinzelne Szenen Elfter Auftritt

 
Fachbereich Deutsch
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Als • Licht mit • Frau Brigitte in der Gerichtsstube eintrifft, lässt • Walter den Tisch, an dem er zuvor mit • Adam den Imbiss zu sich genommen und den Wein getrunken hat, von den • Mägden abräumen und stellt damit auch räumlich wieder das Setting des laufenden Prozesses wieder her.

Adam, der von der von • Marthe Rull inhaltlich ja schon zum Teil vorweggenommen Aussage von • Frau Brigitte keine Gefahr erwartet, ist sichtlich guter Dinge darüber, dass • Walters Befragungen in der Prozesspause und dabei vor allem die Antworten • Marthe Rulls keinen weiteren Verdacht auf ihn gelenkt haben. Auch der gemeinsame Imbiss mit • Walter und dessen Bereitschaft, mit ihm gemeinsam eine größere Menge Wein zu trinken, gibt ihm offenbar das Gefühl, heil und unbeschadet aus der ganzen Sache herauszukommen. Daher spricht er • Eve trotz der früheren Ermahnungen seines Vorgesetzten noch einmal direkt an und kündigt seinen Besuch zum Abendessen bei ihr und ihrer Mutter • Marthe Rull an, wenn • Eve seinen erkrankten Perlhühnern hilft. (V 1610)

Damit will es • Adam, so wie er es sich vorgenommen hat, vor allem • Walter recht machen, der auf die Klage • Marthe Rulls, Adam habe sich nicht einmal nach • Eves Sorge um die erkrankten Hühner in ihrem Haus sehen lassen, um sich zu bedanken, erklärt hatte, dass • Adam dies gewiss in nächster Zeit nachholen werde.(10. Auftritt, V 1599) Zugleich will er • Marthe Rull bei Laune halten, die ihn ja mit ihrer Aussage, dass es es in ihrem Hause nichts gebe, was ihn locken könne, in den Augen • Walters vorläufig entlastet hat (10. Auftritt, V 1604f.). Wer indessen zwischen den Zeilen liest, kann in der Ansprache • Adams an • Eve auch eine erneute verklausulierte  Warnung und Drohung sehen, die mit der Pille, die durch die Gurgel muss und dem drohenden Tod, wenn dies nicht gelingt, noch einmal auf die Folgen verweist, wenn sich • Eve dazu durchringen sollte, die Wahrheit zu sagen.

Die Lage ändert sich für • Adam dramatisch, als • Frau Brigitte mit einer von ihr gefundenen Perücke vor Gericht erscheint. Der Schreiber • Licht, der die näheren Umstände, die mit dem Fund zusammenhängen schon kennt, weiß auch, dass sie • Adam gehört und möchte, dass dieser die Zeugin befragen und sich damit vor aller Öffentlichkeit selbst entlarvt. Doch • Walter, dem spätestens nach • Lichts Aussage, • Frau Brigitte habe die Perücke in den Ranken des Weinstocks unterhalb von • Eves Kammer gefunden (V 1625ff.), klar ist, dass seine am Ende der Prozesspause gerade noch angezweifelten Verdachtsmomente gegen • Adam zutreffen, will diese öffentliche Demaskierung • Adams als Lügner und, wenn es zur Unzucht mit • Eve gekommen sein sollte, als Straftäter verhindern, da sie nicht nur • Adam als Person treffen, sondern auch sein Amt, das Gerichtswesen und letztlich die Autorität der staatlichen Institutionen beschädigen würde. Daher bietet er • Adam, ohne dass die anderen es hören können an, wenigstens ihm die Wahrheit zu sagen.

"WALTER heimlich.
Herr Richter Adam,
Habt Ihr mir etwas zu vertraun,
So bitt ich, um die Ehre des Gerichtes,
Ihr seid so gut, und sagt mir's an.
" (V 1629)

Auch wenn • Walter nicht ausführt, wie er sich den weiteren Verlauf des Prozesses nach einem Eingeständnis • Adams vorstellt, steht damit doch im Raum, dass auch er bereit wäre, im Interesse der Staatsräson, die Angelegenheit herunterzuspielen, wenn nicht zu vertuschen.

Doch • Adam schlägt das Angebot in den Wind und hofft in seiner herkömmlichen Manier mit einer weiteren Lüge davonzukommen. Er identifiziert die gefundene Perücke als seine Ersatzperücke handle, die • Ruprecht schon vor Wochenfrist zum Perückenmacher nach Utrecht habe bringen sollen. Unausgesprochen steht damit im Raum, dass • Ruprecht den Auftrag nicht erfüllt, die Perücke stattdessen behalten, in der Vornacht selbst getragen oder, um absichtlich eine falsche Fährte zu legen, im Spalier deponiert habe. Damit stützt er weiterhin die Aussage • Marthe Rulls und das von dieser bisher über die Beobachtungen • Frau Brigittes in ihrem Garten in der Vornacht Berichtete (9. Auftritt, V 1322 - V 1339).

Offensichtlich glaubt er damit, von weiterem Verdacht auf sich ablenken und den weiter bestehenden Verdacht gegen • Ruprecht erhärten zu können. Doch • Ruprecht erklärt den Auftrag ausgeführt zu haben.

Frau Brigitte springt ihm mit ihrer nun ins Detail gehenden Aussage über ihre Beobachtungen in der vergangenen Nacht bei. Sie zeigt sich dabei fest davon überzeugt, dass es sich bei dem ominösen Besucher • Eves nicht um • Ruprecht gehandelt habe (11.Auftritt, V 1665f.), auch wenn sie das anfangs selbst geglaubt hat.

Sie sei, so sagt sie aus, in der Nacht auf dem Hinweg zu ihrer im Kindbett liegenden Tante an • Marthe Rulls Garten vorbeigekommen. Dort habe sie gehört, wie • Eve ganz hinten im Garten sehr aufgeregt, jemanden gescholten, ihn zurückgewiesen und mit ihrer Mutter gedroht habe. Sie habe sich deshalb, • Eves Stimme hat sie offenbar erkannt, bei dieser  erkundigt, was denn da los sei. Ihre Frage, ob • Ruprecht bei ihr sei, habe • Eve bejaht, so dass sie angenommen hat, dass es sich um ein übliches Zanken eines Liebespaares gehandelt habe (11.Auftritt, V 1679).

Doch das, was sie auf ihrem Heimweg beim Vorüberkommen an gleicher Stelle erlebt hat, hat sie offenbar eines Besseren belehrt. Es lässt sie jedenfalls vermuten, dass • Ruprecht, auch wenn • Eve anderes behauptet habt, um sie zu beschwichtigen, nicht der ominöse nächtliche Besucher gewesen sei. (V 1665)

Auf dem Rückweg sei sie gegen Mitternacht wieder an Marthes Garten vorbeigekommen und dort sei ein "Kerl [...] kahlköpfig, / Mit einem Pferdefuß" (V 1685) an ihr vorbeigehuscht und habe hinter sich einen "Dampf von Pech und Haar und Schwefel" (V 1687) verbreitetet, während sein Glatze "wie faules Holz, den Lindengang" (V 1690) erleuchtet habe. Auch wenn sie ihn beim Namen nicht zu nennen wagt: Für • Frau Brigitte glaubt in ihrer Naivität und ihrem Aberglauben fest daran, dass es sich dabei um den Teufel gehandelt haben muss.

Damit kommt eine ganz neue Perspektive zu den bisher in den Äußerungen der Figuren dargestellten Sichtweisen auf die Vornacht hinzu. Die Erzählung, auf die sich gründet, ist letzten Endes irrational und will die Wahrheit nicht in der objektiven Realität, im Prozess durch Rekonstruktion des Geschehens und des Abwägens unterschiedlicher Wahrnehmungen, Interessen und Indizien finden, sondern in einer transzendentalen, vom Aberglauben geprägten Meistererzählung über das Wirken des Teufels auf der Erde.

Dementsprechend entschieden wird diese Deutung zunächst auch von • Walter mit der Bemerkung: "Blödsinnig Volk, das!" (V 1700) als irrelevant zurückgewiesen.

Frau Brigitte erklärt daraufhin, dass sie am Vormittag, nachdem sie von der Sache mit dem zertrümmerten Krug erfahren habe, noch einmal zu der Stelle gegangen sei, an der sie die Perücke im Spalier gefunden habe. Von dort hätten Spuren im Schnee, "rechts fein und scharf und nett gekantet immer, / Ein ordentlicher Menschenfuß, / Und links unförmig grobhin eingetölpelt / Ein ungeheurer klotz'ger Pferdefuß", V 1716) weggeführt.

Die Art und Weise, wie • Frau Brigitte wenig später den Verlauf der Fußspur entlang bestimmter Stationen schildert, ist voll Symbolkraft: "Vom Lindengange, ja, / Aufs Schulzenfeld, den Karpfenteich entlang, / Den Steg, quer übern Gottesacker dann, / Hier, sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam."(V 1779 - V 1782)

Er führt "vom Lindengang (die Linde ist der den Germanen heilige Liebesbaum, der auch das Leben selbst bedeutet), über das Schulzenfeld, das öffentliche Weideland, zum Karpfenteich (der Karpfen war seiner Fruchtbarkeit wegen in der Antike der Liebesgöttin geweiht), von dort über den Friedhof zum Hintereingang des Dorfrichter-Hauses. Von den Liebes-, Lebens- und Fruchtbarkeitsstätten geht der Weg über den euphemistisch-christlich »Gottesacker« benannten Totenort ins Gerichtshaus, dem damit Züge der Unterwelt zugeschrieben sind, während umgekehrt das Haus, in dem Eve wohnt, mit Lindengang und Weinspalier eine dionysische Stätte der Liebes- und Lebenslust repräsentiert." (Pickerodt 2004, S.118)

Mit dem Einwurf • Adams, dass sich • Ruprecht unter Umständen als Teufel verkleidet habe (V 1728), dringt • Adam allerdings nicht recht durch, zumal • Frau Brigitte eisern an ihrer Version vom leibhaftigen Teufel festhält und jeden Versuch, des Krugzertrümmerers habhaft zu werden, für aussichtslos erklärt. (V 1735)

Als • Walter der Sache mit dem angeblichen Pferdefuß nachgehen will und von • Licht, der die Spuren, ganz wie von • Walter aufgetragen (9. Auftritt, V 1410), selbst in Augenschein genommen hat, bestätigt bekommt, dass es tatsächlich Spuren eines auffälligen, einem Pferdefuß vergleichbaren menschlichen Fußes im Schnee gebe (V 1740f.), steht • Adam kurz vor seiner endgültigen Entlarvung.

Daher geht er noch einmal in die Offensive und geht mit einer neuen Idee für den weiteren Prozess dazwischen. Indem er • Frau Brigittes Teufelsdeutung aufgreift, will er die "Deutungshoheit über die Spur" (Pickerodt 2004, S.117), die ja seine Spur ist, und die damit die Kontrolle über den weiteren Prozessverlauf erringen.

Die Sache mit dem Teufel, wie von • Frau Brigitte sehr zum Ärger • Walters immer wieder neu belebt, ist für ihn nicht vom Tisch, zumal es noch nie jemandem, nicht einmal einem Atheisten, wirklich gelungen sei, das Wirken des Teufels "wegzubeweisen" (V 1745f.) Angesichts des ernsthaften Verdachts, dass der Teufel im Spiel sei, sei es daher besser, erst einmal bei der kirchlichen Synode in Utrecht zu klären, ob sein Dorfgericht in dieser Sache überhaupt zuständig sei (V 1748 - V 1752).

So abstrus dieser Verfahrenstrick • Adams erscheint, mit der er den Gerichtstag überstehen will, ist er in der Zeit, in der die Handlung spielt, nicht von der Hand zu weisen. In einem Land, indem die katholische • spanische Inquisition seit den Zeiten • Karls V. (1515-1556) und der verschärften Repressionspolitik unter seinem Sohn und Nachfolger Philipp II. ) geb. 1527,1556-1598) tiefe und blutige Spuren hinterlassen hat und nach der Befreiung von den Spaniern die Katholiken und Protestanten von der »calvinistischen Regierung aller praktischen • Multikonfessionalität zum Trotz, die das Land nach 1630 auszeichnete, noch immer unter Druck standen, sind Teufeleien und das vermeintliche Wirken des Satans immer noch Themen, die staatliche Behörden auf den Plan rufen können. Allerdings sind im Gegensatz zu zu vielen anderen europäischen Staaten, in denen Hexen- und Teufelsprozesse bis ins 18. Jahrhundert andauerten, in der niederländischen Republik schon in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts keine Todesurteile mehr in solchen Prozessen vollstreckt worden. Gemeinhin wird dieser  niederländische Sonderweg auf den Einfluss des starken bürgerlichen Rechtssystems und der aufkommenden rationalistischen Ideen in der jungen Republik zurückgeführt.

Ob und inwieweit • Adam mit seinem Vorschlag also tatsächlich ein offenes Gehör bei der Utrechter Kirchenversammlung hätte finden können, steht dahin. Walter lässt sich jedenfalls in keiner Weise darauf ein, sondern versucht weiterhin, den endgültigen Beweis für • Adams Anwesenheit bei • Eve zu finden.

Zuvor aber erzählt • Frau Brigitte noch von einer Bebachtung entlang der von ihr verfolgten Spur im Schnee, die nicht nur ihre eigene Version vom Schwefeldampf, den der Teufel angeblich hinter sich verbreitet habe, lächerlich macht, sondern auch • Adam. Das "Denkmal", das sie im Lindengang an einem Baum entdeckt hat, ist nämlich nichts anderes als die Exkremente der Notdurft, die • Adam, geplagt von seinen Darmproblemen, auf seiner Flucht hinterlassen hat, wie dessen hingeworfene Bemerkung "Verflucht mein Unterleib.", V 1774) verdeutlicht.

Die Intervention • Lichts verhindert, dass • Frau Brigitte in ihrem Erzähleifer die unappetitliche "Denkmalgeschichte" weiter ausführt. Dem Publikum und den Leser*innen hat sie aber sehr drastisch einen weiteren Einblick in die physio-psychische Verfassung  • Adams nach der Flucht aus • Eves Kammer gegeben: "Der Unterleib hat sich in der Nacht der Kontrolle des Bewusstseins entzogen, ist eigenmächtig geworden wie andern Tags der linke Fuß, der sich nicht mehr verbergen lassen will, gegen das Bewusstsein und den Willen Adams." (Pickerodt 2004, S.117f.)

Da • Licht die Aussage von • Frau Brigitte bestätigt, dass der linke Fußabdruck im Schnee besonders auffällig sei, (11. Auftritt, V 1718f.) genau darauf ankommt, will • Walter, der inzwischen davon überzeugt ist, dass • Adam für die Spuren verantwortlich ist, der Sache möglichst unauffällig auf den Grund gehen.

Sicher ist Gehbehinderung • Adams durch den • "Klumpfuß" (1. Auftritt, V 25) – • Ruprecht wird später vom • "Blitz-Hinketeufel" (11. Auftritt, V 1901) Adam sprechen –  auch • Walter nicht entgangen. Nur weiß er, als ihm klar wird, dass dies ein entscheidender Beweis ist, nicht mehr, ob für das Hinken der linke oder der rechte Fuß Adams verantwortlich ist, wie er in kurzem monologischen Beiseitesprechen (a parte) (V 1801) kundtut. Gut möglich, dass er daher den Dorfrichter, der hinter einem Tisch sitzt,  mit einer Finte dazu bewegen will, ein paar Schritte zu gehen. Doch • Adam steht nicht auf, um ihm die erbetene Schnupftabakdose zu bringen, sondern lässt dies seinen Schreiber • Licht tun (V 1802 - V 1806).

Um aber Gewissheit über den Urheber der markanten Fußspur zu bekommen, fragt • Walter dann nach, ob es in Huisum irgendjemanden gebe, der missgebildete Füße habe. Als • Licht dies bejaht und auf • Adam verweist, zieht dieser, wie • Marthe Rull bemerkt (• implizite Bühnenanweisung), seine beiden Füße so "verstört" unter den Tisch, dass sie fast glaubt, die Spuren im Schnee seien die seinen. (V 1816ff.)

Als • Adam daraufhin seinen linken missgestalteten Fuß zeigt und dies mit der provokativen Frage verbindet, ob er der Teufel und dieser Fuß ein Pferdefuß sei (V 1820), befindet • Walter diesen kurzerhand für "gut" (V 1821), fordert aber • Adam im Verlauf des weiteren Geschehens vier Mal mit eindringlichen Worten auf, den Prozess schnell zu beenden. (V 1822, V 1842, V 1865)

Walters "Der Fuß ist gut" (V 1821) kann dabei zweierlei bedeuten. Es könnte die Feststellung sein, dass der von Adam vorgezeigte Fuß gar nicht missgebildet ist. In diesem Fall könnte sich die Aussage in die Strategie • Walters fügen, trotz des von ihm gegen Adam gehegten Verdachts, die Bloßstellung des Gerichts als solches abzuwenden. Dazu passt auch sein immer entschiedeneres Drängen gegenüber • Adam, den Prozess zu beenden. Aus diesem Grunde adressiert • Walter seine erste Anweisung, den Prozess jetzt sogleich zu beenden auch • "heimlich" an den Dorfrichter (V 1822). Möglich wäre aber auch eine Bedeutungsdimension, die • Adam damit als überführt ansieht (die Formulierung erinnert dann etwa an umgangssprachliche Wendungen wie "gut ist"), zugleich aber auf weitere Einlassungen über die näheren Umstände verzichtet.

Adam scheint jedoch zunächst, in völliger Verkennung der Situation, in der er sich befindet, den (vermeintlichen) Erfolg bei der Suche nach dem Pferde- bzw. Teufelsfuß auskosten zu wollen und setzt noch obendrauf • "Ein Fuß, wenn den der Teufel hätt, / So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen". (V 1823f.)

Während in der älteren Forschung immer wieder unterstellt wurde, dass Kleist selbst ein Fehler bei der seiner Textedition unterlaufen sei, wenn er Adam an dieser Stelle den missgestalten linken statt des gesunden rechten Fußes zeigen lasse, geht man in der neueren Forschung von der Textvorgabe aus und versucht, die zugegebenermaßen komplexere Bedeutung zu konstruieren. So hat z. B. Helmut Sembdner (1993) die These aufgestellt, • Adam könne an dieser Stelle einfach "zum Trotz den Klumpfuß" vorgezeigt haben. (zit. n. Pickerodt 2004, S.110)

Gerhart Pickerodt (2004, S.109-122) geht davon hingegen davon aus, dass • Adam in einer Art "Zwangshandlung" genau den Fuß zeigt, an dem man ihn erkennt. Es sei "eine Art Bekenntnis, ein Eingeständnis wider Willen und Bewusstsein, motiviert durch die Tatsache, dass Adam die Rollenspaltung zwischen Richter und Täter nicht mehr zu ertragen imstande ist." (ebd., S.111)  Der Dorfrichter handele dabei ohne Bewusstsein von dem, was er tue, gegen seine eigenen Vertuschungsstrategien, die ihn während der vorangegangenen Handlung motiviert und sein Handeln bestimmt hätten. Die Konsequenz: "Sein Unbewusstes, die Zwangshandlung, die es auslöst, verrät Adam als Missetäter, als Krugzertrümmerer der vorangegangenen Nacht." (ebd., S.109) Seine verbale Reaktion auf die Aufforderung • Walters lese sich dabei als Abwehr und Eingeständnis zugleich, mit denen er sich "um Anerkennung seines ›Falles‹ als eines spezifischer menschlicher Fehlerhaftigkeit und moralischer ›Missbildung‹" bemüht, "um Anerkennung menschlicher Schwäche also." (ebd., S.112)

Als • Frau Brigitte dann aber noch einmal auf die von ihr gefundene Perücke zu sprechen kommt, die in ihre Teufelserzählung einfach nicht passt, und damit Zweifel an der Schlüssigkeit ihrer eigenen Version der Geschichte artikuliert, ist es • Adam selbst, der jetzt alles auf diese Version setzt und diese Zweifel zerstreuen will. Seine  Schlussfolgerung • "Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft" (V 1742) gehört dabei zu den "zahlreichen Sätze(n) der Komödie, die sich als metapoetischer Kommentar lesen lassen", da Kleist  hier durch die Stimme des sündigen Richters spreche und betone, dass bei der ›ernsthaften Sache‹ um nichts weniger als "das Wissen über die Wahrheit auf dem Spiel steht." (Alt 2008/2009, S.75)

Doch • Walter hat endgültig genug gehört und fordert ihn zum dritten Mal den Prozess zu beenden, wenn er nicht vor aller Augen von seinem Richterstuhl weggejagt werden wolle. (V 1822, V 1836, V 1839ff.)  Als • Adam aber noch immer nicht versteht, was ihm die Stunde geschlagen hat und bestreitet, dass er • "gestern, / im Weinstock die Perücke eingebüßt" habe, erntet er nur noch hämischen Spott von • Walter und • Licht, die ihn an seine lächerlichen Ausreden zum Perückenverlust erinnern.

Noch einmal hebt • Adam zu seiner Verteidigung an und verlangt, ihn ohne entsprechende Aussage • Eves nicht für schuldig zu erklären, zumal die von • Frau Brigitte mitgebrachte Perücke nicht die seine sei und er jeden, der dies behaupte, vor dem Oberlandgericht in Utrecht verklagen werde. (V 1850 - V 1858) Doch auch diese Drohung nützt ihm nichts, weil ihm • Licht, der sich seiner Sache ganz sicher ist und Adam jetzt offen die • früher versicherte Loyalität aufkündigt (1.Auftritt), einfach die Perücke aufsetzt (V 1859). Sie passt • Adam genau, auch wenn er dies mit einer lächerlichen Bemerkung und seinem mimisch-gestischen Spiel vor dem Spiegel vehement bestreitet.

Für alle Anwesenden – • Ruprecht und • Marthe Rull fällt es jetzt auch wie Schuppen von den Augen – ist damit klar, wer der Täter ist. Um so mehr ein Anlass für • Walter, der weiteren Schaden vom Gericht abwenden will, • Adam ein viertes Mal aufzufordern, den Prozess zu beenden, wenn er nicht wolle, dass • Walter dies für ihn übernehme ((V 1822, V 1836, V 1839ff., V 1865) Allerdings ist • Ruprecht, der jetzt weiß, warum • Adam ihn lange der Tat bezichtigt hat, so entrüstet, dass er jetzt endgültig auch von • Eve die ganze Wahrheit wissen will. Sie soll bestätigen, dass • Adam derjenige ist, der tags zuvor in • Eves Kammer gewesen und bei seinem Eintreffen geflüchtet sei.

Nicht nur die Tatsache, dass sich • Ruprecht damit die Rolle des ermittelnden Richters in dem noch laufenden Prozess anmaßt, erzürnt • Walter, sondern vor allem, dass damit seine Absicht, Schaden vom Gericht, dem Gerichtswesen und den staatlichen Institutionen, für die er ja auch einsteht, abzuwenden, durchkreuzt würde. Daher herrscht er • Ruprecht in einem harschen Ton an (V 1867) und sogar • Veit Tümpel geht diese Anmaßung seines Sohnes zu weit. (V 1868)

Als • Adam und • Ruprecht fast handgreiflich aneinander geraten, ruft • Walter den • Büttel zur Hilfe. Ehe die Lage weiter eskaliert, will • Adam den Prozess mit Zustimmung • Walters beenden. Dazu erklärt er • Ruprecht (in der Krugsache) unter dem Beifall • Walters zum Täter und verurteilt ihn wegen Missachtung des Gerichts dazu, den Hals in Eisen gelegt zu bekommen und zu einer Gefängnisstrafe. (V 1874 - V 1880)

Ruprecht und • Eve erschrecken über dieses Urteil, sollen aber von • Walter, der weiß, wie haltlos dieses Urteil ist, damit beruhigt werden, dass sie das Urteil später bei der übergeordneten Gerichtsinstanz anfechten können. (V 1885ff.)

Dies wiederum empört • Eve so sehr, dass sie endlich erklärt, dass • Adam der Täter ist. (V 1890f.) Angespornt von • Eve, • Adam von seinem Richterstuhl zu werfen, will • Ruprecht dem Dorfrichter Gewalt antun. Ein Aufruf "zum Umsturz der Machtverhältnisse" (Jürgens 32015, S.134) ist dies jedoch nicht. Auch wenn die Autorität des Gerichts in dieser Situation "massiv gestört"(ebd.) ist, ist sie aber, entgegen der Ansicht von Jürgens, nicht aufgehoben, sondern bleibt, wenn auch angeschlagen, in der Person des Gerichtsrats präsent.

Allerdings schlägt die • Perücke als Motiv an dieser Stelle auch wieder eine Brücke zu der immer wieder im Prozess thematisierte Teufelserzählung. Dass sie • Adam  genau ins Konzept passt, der zuvor selbst gesagt hat, der Teufel bediene sich womöglich einer Perücke, • "um sich den Honoratioren beizumischen" (V 1837f.) und • Ruprechts fragend-verdutzter Einwurf, ob etwa • "der Teufel [..] in dem Gerichtshof" wohne (V 1784f.) färbt die Szene nicht nur entsprechend ein, sondern verleiht ihr "auf einer höheren Verständnisebene einen neuen Sinn: Das Gericht bzw. die Würdenträger der Gesellschaft sind des Teufels. Nicht nur Adam, auch an Licht und Walter wird dies bestätigt."(ebd.)

Adam kann gerade noch aus der Gerichtsstube fliehen, als ihn • Ruprecht an seinem Mantel packt. Er kann jedoch noch aus dem Mantel schlüpfen und sich davonmachen. Walter ist damit die Kontrolle über die Situation entglitten. Darüber ist er so frustriert, dass er • Ruprecht am Ende sogar selbst noch mit dem Eisen droht. (V 1905)

Adam ist überführt und hat Hals über Kopf die Flucht angetreten. Vom Fenster aus, von dem ihn die anderen sehen können, sieht es aus, als ob  • Adams Rücken von seiner eigenen Perücke gepeitscht (V  1959) werde. Das Symbol seiner Amtswürde wird dadurch zu einer Art Strafinstrument, das sich "gegenüber der Physis des Amtsträgers (verselbständigt), (...) sich von dieser ab(löst) und (...) in einem hochsymbolischen Akt auf ihn ein(schlägt), als besäße sie eigene Kraft." (Pickerodt 2004, S.115)

Noch aber ist ungeklärt, wie es ihm gelungen ist, sich Zugang zu • Eves Kammer zu verschaffen und was sich dort ereignet hat.

Allerdings "(erfolgt), wie Alt (2008/2009, S.75)  betont, "der Sieg der in Licht und Walter repräsentierten analytischen Vernunft (...) nur über Umwege, keinesfalls als großer Triumph der Aufklärung, sondern durchmischt mit unlauteren Motiven wie Eigennutz und Ehrgeiz." Angesichts der Zwielichtigkeit der Akteure und ihrer nicht weniger zwielichtigen Ziele lasse sich Kleists Komödie auch nicht "als Kampf der Wahrheit gegen das Böse"(ebd.) bezeichnen. Zudem spreche die Tatsache dagegen, dass der Weg zur Entlarvung Adams auch zu verworren und von zu vielen Zufällen abhängig, als dass in diesem Zusammenhang von einem Triumph gesprochen werden könne. "Die aus der Façon geratene Form der Gerichtsverhandlung bildet", so Alt (2008/2009, S.75) weiter, "letzthin nur den Spiegel für die Verwerfungen und Beben im Gefüge der Wahrheit, die Kleists Komödie wie ein Seismograph anzeigt."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche Bedeutung hat es, dass Walter nach dem Eintreffen von Licht und Frau Brigitte den Tisch abräumen lässt, und wie verändert sich dadurch die Situation im Gericht?
  2. Warum fühlt sich Adam nach der Prozesspause zunächst sicher, und wie versucht er diese scheinbare Sicherheit strategisch zu nutzen?
  3. Inwiefern kann Adams Ansprache an Eve zugleich als scheinbar harmlose Geste und als verklausulierte Drohung verstanden werden?
  4. Welche Funktion erfüllt Frau Brigittes Teufelserzählung im Prozess, und warum weist Walter diese Deutung zunächst entschieden zurück?
  5. Wie wird die Spur im Schnee symbolisch aufgeladen, und was sagt ihr Verlauf über die Verbindung von Schuld, Gericht und Wahrheit aus?
  6. Welche Rolle spielen Walters Verhalten und seine wiederholten Aufforderungen, den Prozess zu beenden, für die Frage nach Wahrheit, Macht und institutioneller Selbstwahrung im Drama?
 

 
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