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Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ , erklärt Tina-Karen
Pusse
(2013, S.367), "stolpert und stürzt es allenthalben. Mal mit
tragischem, mal mit komischem Ausgang kämpft das Personal gegen die
Gesetze der Schwerkraft". Dabei markiere die ständige Präsenz des
Motivs des Falls seine Abkehr von der Wissenschaft als alleiniger
Lebensorientierung und die Hinwendung zu Kunst- und Moraltheorie.
Diese wiederum steht im Zusammenhang mit verschiedenen biografischen
Ereignissen und Einflüssen, wie z. B. Kleists Rezeption der
französischen und der deutschen Aufklärung, allen voran der Lehren
des »Königsberger
Philosophen »Immanuel
Kant (1724-1804), die zu seiner so genannten •
Kant-Krise
beigetragen haben und damit zu einem der entscheidenden Wendepunkte
in seinem Leben (vgl.
Schulz
2007/2011, S.208)
In diesem Zusammenhang spielt auch seine Deutung der »biblischen
»Paradieserzählung
von Adam und Eva und die Erzählung vom »Sündenfall
im
1.
Buch Moses (Genesis) eine große Rolle, die den Hintergrund für
die Gedanken bilden, die Kleist in seinem philosophischen Essay ݆ber
das Marionettentheater‹ entwickelt.
Auch
Heinrich von Kleists (1777-1811) Komödie "Der
zerbrochne Krug" weist zahlreiche biblische Anspielungen auf.
In den Namen der
Figuren des Dorfrichters • Adam
und • Eve (Eva), der Tochter •
Marthe Rulls, nimmt Kleist direkt
Bezug auf das dem
»biblischen
Schöpfungsbericht nach
»erste
Menschenpaar
(Adam und Eva), das von Gott nach dem so genannten
»Sündenfall aus dem Paradies vertrieben worden sein soll. Aber
auch sonst hat das • Motiv des
biblischen Sündenfalls eine große Bedeutung für das Stück.
Auf diesen ersten ›Sündenfall‹ ist, so betont
Fülleborn (2004, S.94) ist "die ›Dreiecksgeschichte‹
Adam-Eve-Ruprecht (von Anfang an) zurückbezogen. Und alles, was in
dem Drama geschieht, findet gemäß Kleists
universalgeschichtlichem
Grundmythos diesseits des ›Paradieses‹ statt." In dieser Situation
entwickle sich vor allem das
Motiv der
zwischenmenschlichen Gewalt als eine Antwort auf die Frage nach
dem Ursprung des ›Bösen‹. Das
Böse, um das es im ›Zerbrochnen Krug‹ vor allem gehe, zeige sich in
aller Krassheit
als ein frevelhaftes Verfügen über den andern, als
possessives Verhalten. Denn wenn sich eine kritikbedürftige, der
Wirklichkeit mit Besitzanspruch begegnende Einstellung, die man als
Besitzdenken kennzeichnen könne, am deutlichsten darin offenbare,
dass es Menschen, Dinge und Situationen für subjektive Zwecke
manipuliere, so liefere der Dorfrichter mit seiner Erpressung • Eves
durch den gefälschten Gestellungsbefehl für •
Ruprecht nach Batavia
eines der besten Exempel hierfür.
In dem
alttestamentarischen Mythos spielt das
Motiv der Verführung eine
besondere Rolle: Eva, die Frau Adams, wird von einer Schlange
verführt und verleitet trotz des göttlichen Verbots Adam dazu, eine Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen.
Dabei
kehrt die Handlung von
Kleists Komödie diesen Mythos vom Sündenfall nicht nur einfach spiegelbildlich um und
parodiert ihn.
Zwar ist • Eve in dem Stück
keine Verführerin wie die biblische Eva,
• Adam
andererseits aber ein Verführer, wenn man darunter im Wortsinne
versteht, • Eve dazu zu bringen,
etwas Unkluges, Unrechtes, Unerlaubtes gegen ihre eigentliche
Absicht zu tun. Die Wortwahl in ihrer strukturell wertfrei wirkenden
Dichotomie von Verführern und Verführten selbst aber scheint
verhüllen zu wollen, was • Adam
wirklich tut: Er will völlig skrupellos • Eve
• mit sexualisierter Gewalt zu sexuellen Handlungen nötigen, die
sie nicht will. Sein "Adamsfall"
besteht eben darin, dass er die junge • Eve erpresst, um seine Gelüste
gegen ihren Willen zu befriedigen. Die biblische Eva hingegen ist,
so sehen es • zahlreiche
historische Abbildungen, eine "klassische" Verführerin, die auf
ihre sexuellen Reize setzt, um Adam zum Sündenfall zu verleiten.
Es ist der Schreiber
•
Licht, der schon im ersten Auftritt auf den biblischen Namensvetter
des Dorfrichters hinweist, als er die ersten Ausflüchte Adams wegen
seines desolaten Zustandes mit der Bemerkung kommentiert: "Ihr
stammt von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der
Dinge fiel, / Und wegen seines Falls berühmt geworden“. (V
9ff.)
Wenig später macht
sich der Schreiber angesichts der wirren Ausreden des Dorfrichters
über seinen angeblichen Sturz aus dem Bett dadurch lustig, dass er
diesen als "Adamsfall"
bezeichnet: "Der
erste Adamsfall, / Den Ihr aus einem Bette hinaus getan". (V
62)

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Zugleich spielt •
Licht damit auch darauf an, dass dieser seltsame Fall aus dem
Bett wohl Adams Lüsternheit (•
Motiv des lüsternen Alten) zuzuschreiben ist. Nur dieser scheint es
geschuldet, dass er nicht wie sonst müde in sein Bett, sondern
anderer Bedürfnisse wegen aus dem Bett gefallen zu sein scheint. Die
Schrammen und Verletzungen, die er sich beim "Adamsfall"
zugezogen hat, symbolisieren seinen eigentlichen inneren
"Sündenfall", der darin besteht, dass er die junge • Eve ohne jeden
Skrupel • zum Sex zwingen will.
Weil sich • Adam
und • Eve darüber ausschweigen,
ist letztlich nicht wirklich zu klären
ist, ob es • in der
Kammer Eves tatsächlich zu sexuellen Handlungen zwischen dem
Dorfrichter und der jungen Frau gekommen ist. Der "Adamsfall"
in Husium endet jedenfalls damit, dass • Eve am Ende des Prozess als
unschuldiges Opfer dasteht, weil der Gerichtsrat •
Walter, der Schreiber •
Licht und die Leute aus dem Dorf keinen Zweifel an ihrer
Darstellung hegen, als sie sich selbst für "schuldlos" erklärt.(12.
Auftritt Variant,
V 1947) Ihre
•
"Unschuld" muss sie im rechtlichen Sinne nicht beweisen, sondern
nur mit ihrer eigenen Schilderung glaubhaft machen. Auch wenn es
dafür, über den Horizont des Textes hinausgedacht, •
zahlreiche Gründe gibt, so ist der Glaube an die Wahrheit ihrer
Version des Tathergangs doch dramaturgisch von großer Bedeutung. Er
ist nämlich die Voraussetzung für das ihr von •
Walter gemachte Versprechen, seine
menschliches Seite zu zeigen (12.
Auftritt Variant,
V 1957), und
damit für sein Geldangebot, mit dem • Eve
die Option erhält, ihren Bräutigam •
Ruprecht von der Konskriptionsliste freizukaufen (12.
Auftritt Variant,
V 2350f.)
und letztlich auch die Basis, die das •
Happy End für
Eve und Ruprecht am Ende der Komödie ermöglicht. (12.
Auftritt Variant,
V 2372 -V
2395)