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Arbeitstechnik lesen
▪
Lesekompetenz
▪
Verstehen von Texten
▪
Lesen und Behalten: Die Bedeutung der
Textoberflächenstruktur
▪
Hermeneutischer Zirkel
▪ Wissensrepräsentation
▪ Überblick
▪
Konzeptuelles Wissen
▪ Überblick
▪
Semantische Netzwerke
▪
Überblick
▪
Propositionale
Repräsentationen
▪
Überblick
▪
Notationsverfahren für Propositionen
▪
Propositionale Netzwerke
▪ Schemata
▪
Perzeptuelle Symbolsysteme
▪
Gedächtnis
▪
Sprachproduktion und Sprachverstehen
Das ▪
Construction-Integration-Model (CI-Modell) von
Walter Kintsch und
»Teun van
Dijk beschreibt das Textverstehen
auf der Grundlage eines
kognitionspsychologischen Modells. In diesem Modell umfasst das
Textverstehen "eine große Bandbreite hierarchisch
ablaufender, regelgeleiteter kognitiver Prozesse" (Philipp
2015b, S.217). Mit seiner Hilfe lässt sich besonders gut
verdeutlichen, wie Vorwissen und Textinhalte im Lesenverstehensprozess
beim Zusammenwirken der ▪
konstruktiven
und integrativen Prozesse zusammenspielen.
Mit zwei Kategorienpaaren wird dabei das Textverstehen unter die Lupe
genommen: Mikro- und Makrostrukturen eines Textes und Textbasis und
Situationsmodell.
Ein Text besteht im
CI-Modell aus Makro- und Mikrostrukturen.
Die Mikrostruktur von Texten
Die
Mikrostruktur besteht aus
(Mikro-)Propositionen, die
man im Text auffinden kann. Dabei versteht man darunter
Propositionen, die "vielen bedeutungstragenden Einheiten
(...), die untereinander mehr oder minder stark verknüpft sind."
(ebd.,
S.218). (Über deren genaue Gestalt kann man »andernorts
nachlesen). Liest man einen Text,
dann ist der erste Schritt, dass man also diese Propositionen soweit
es einem möglich ist, konstruiert.
In diesem Prozess wird als erstes die ▪
Kohärenz auf Textebene mit
Hilfe der Hinweise hergestellt, die im Text selbst enthalten
sind. Die Bezüge, die dabei hergestellt werden, stützen sich
dabei auf sogenannte
skripto- und
typograhische Signale auf der Sprachoberfläche und auf alle
Arten von Kohäsionsmitten,
darunter Koreferenzen,
rhetorische Relationen und kausale, temporale,
adversative, und additive
Verknüpfungswörter (▪
Konnektiva).
Was dabei geschieht,
wird in der
▪
Textlinguistik
als Weg zur so genannten ▪
Texttiefenstruktur beschrieben, die sich durch die Analyse der
▪
Textoberflächenstruktur in Verbindung mit der ▪
konzeptuellen Basis, d. h. dem Vorwissen des Lesers, erschließen
lässt. Zum Vergleich sei das Konzept hier noch einmal als Mind Map
vorgestellt:

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Koreferenzen (▪
Substitution)
gehören zu den am
leichtesten auf der "Textoberfläche" erfassbaren Strukturen. Bei ihnen nehmen
aufeinanderfolgende Texte (Wörter, Wortgruppen, Sätze) auf denselben Sachverhalt etc.
(Referenten) Bezug. Dabei geht es
um alle möglichen
▪
Kohäsionsmittel wie Wortwiederholungen,
Pronomen, Rück- und Vorverweisen, Wiederaufnahme von
Satzsequenzen durch
Pro-Formen
oder auch mit Hilfe sogenannter "Kontiguitätsrelationen,
mit denen auf temporal, lokational oder strukturell verbundene
Ereignisse, Situationen, Handlungen verwiesen wird." (Christmann
2015, S.172)
Die Makrostruktur von Texten
Nicht alle Aussagen
(Propositionen) haben aber für das Textverstehen die gleiche
Bedeutung. Aus diesem Grunde sind die wirklich bedeutungstragenden Einheiten auch hierarchisch organisiert.
Das
bedeutet, dass den Mikropropositionen andere Propositionen
übergeordnet sind. Diese Propositionen werden als
Makropropositionen bezeichnet. Diese Makropropositionen schaffen, wenn
man so will, Ordnung in der Vielzahl bedeutungstragender
Mikroaussagen, strukturieren und gliedern den Text (=
Makrostruktur).
-
Das kann an der
"Sprachoberfläche" (Christmann
2015, S.173) z. B. mit
skripto- und typographischen Signalen geschehen (Überschriften,
Zwischenüberschriften, Aufzählungen etc.), aber auch mit
expliziten Formulierungen wie "zum Beispiel", Überleitungen
usw.). Allerdings kann sich ein Leser natürlich über solche
Signale jederzeit hinwegsetzen und tut dies oft auch, wenn er
sich z. B. nur für bestimmte Aussagen interessiert wie beim ▪
punktuellen
Lesen oder ▪ suchenden
Lesen (Scanning) oder ihn einfach nur bestimmte Aussagen
emotional ansprechen.
-
Es können aber
auch rhetorische Relationen
sein, die mehr oder weniger explizit mit Signalwörtern
kenntlich gemacht werden, und helfen, thematische Strukturen des
Textes zu erschließen, die zur Makropropositionsbildung
herangezogen werden können. Dies sind z. B. Relationen wie
Problem und Problemlösung, Ursachen und Folgen oder Vergleiche.
(vgl. ebd.)
-
Es kann aber auch durchaus sein, dass der
Text gar keine derartigen Signale enthält, was z. B. in vielen
literarischen Texten der Fall ist, dann muss der Leser beim
Textverstehen selbst Kriterien
finden, nach denen er die
Mikropropositionen ordnet. Das geschieht mit sogenannten
Makroregeln, die durch Auslassen,
Auswählen, Verallgemeinern und Konstruieren bestehende
Mikropropositionssequenzen zu Makropropositionen verdichten
können. (Christmann
2015, S.172) In jedem Fall bleiben bei der
Herstellung einer Makrostruktur auch Mikropropositionen auf der
Strecke, die für die Makrostrukturbildung keine Relevanz besitzen oder nicht in den übergeordneten Bedeutungszusammenhang der
Makrostruktur gebracht werden können.
Die Art der Makropropositionen, die konkrete Gestalt der
Makrostruktur und die Frage, wann sie beim Lesen herausgebildet
wird, hängt von etlichen textseitigen und leserseitigen Faktoren
ab.
Das sind z. B. Art und subjektive Schwierigkeit des
Textes, Erwartungen und Ziele des Lesers und sein
deklaratives und
prozedurales
Wissen
unterschiedlichster Art (z. B.
Weltwissen, aktives Wissen,
Erfahrungswissen,
Fachwissen,
Sprachwissen,
Textmusterwissen,
thematisches Wissen, aber auch sein ▪
Stilwissen,
ohne das sich die kommunikative Bedeutung eines Textes oft gar nicht
erschließen lässt.
Schwierigkeiten, die beim Textverstehen auftauchen können, weil es
einem nicht hinreichend gelingt,
existierende Kohärenzlücken in
einem Text durch eigenaktive Konstruktion ihres
Bedeutungszusammenhangs zu schließen, sind im Übrigen in der Regel
auf der Ebene der Makrostruktur weitaus gravierender als bei den
Mikropropositionen.
Schafft man es bei
den Mikropropositionen auf der lokalen Textebene also hin und wieder nicht,
die Bedeutung einzelner Textaussagen zu erschließen, dann ist das
nicht so gravierend und muss das Verständnis der
Textbasis nicht unbedingt sehr
beeinträchtigen. (vgl.
ebd., S.173)
Bei ▪
Alltagsargumentationen, die oft sehr lückenhaft aufgebaut sind
und unstrukturiert und ungeordnet präsentiert werden (vgl.
Kolmer / Rob-Santer 2002, S.148), ist dies durchaus häufig. Der
"Misserfolg" bei der Mikropropositionsbildung kann aber durchaus
Auswirkungen auf die Lesemotivation haben.
Darüber hinaus beeinflussen natürlich auch
die äußeren Umstände der Rezeption und andere Faktoren die jeweilige hierarchische Organisation
der Makrostruktur und damit die Repräsentation der Textbedeutung
im Gedächtnis eines Lesers.
Mikro- und
Makrostruktur des Textes stellen im Construction-Integration Model
(CI-Modell) die Textbasis dar, die das Ergebnis einer semantischen und
syntaktischen Analyse des Textes durch den Leser darstellt.
Allerdings bleibt das Textverstehen damit letztlich an der
Textoberfläche. Um einen Text zu verstehen, müssen neben diesen
textseitigen Merkmale eben auch leserseitige Merkmale, in der
Sprache des textlinguistischen Kohärenzmodells, die ▪
konzeptuelle
Basis, berücksichtigt werden, mit der "Textlöcher" (Linke
u. a. 1994, S.226) bzw. "Kohärenzlücken" (Christmann
2015, S.173) dann vergleichsweise leicht geschlossen werden können,
wenn ein Leser über dafür geeignetes Vorwissen verfügen kann.
Dabei kann die
Beteiligung dieses Vorwissens am Textverstehen gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden. Solche im Gedächtnis gespeicherten
Informationen können nämlich, wenn sie z. B. als
Schemata bestimmte
Wahrnehmungs- und kognitiven Verarbeitungsprozesse steuern,
Textinhalte einfach "überschreiben" oder können ihnen neue Inhalte
zuschreiben, die im Text selbst überhaupt nicht nachzuweisen sind. (ebd.,
S.173). Kein Freifahrschein für "wilde Spekulationen" über einen Text,
aber zumindest auch eine Erklärung.

»Von der Textbasis zum
Situationsmodell des Textes
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Sprachproduktion und Sprachverstehen
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
17.12.2023
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